" Ich fühle mich wie Neugeboren"

Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer
30.11.2009 | 9 Antworten
.. ist eine Aussage die uns in Situationen in denen es uns gut geht schnell mal über die Lippen kommt. Aber, wer sich mal die Mühe macht und sich versucht vorzustellen was es wirklich heißt ein Neugeborenes zu sein, der wird, mit ausgeprägtem Einfühlungvermögen, schnell wissen es fühlt sich nicht toll an.
Ein Ungeboresnes lebt in einer anderen Welt. Es ist nackt, und von warmen Wasser umgeben. Es hört den Herzschlag seiner Mutter und des Vaters, das Lachen der Geschwister. Es wird immer getragen, es ist immer Bewegung im Bauch und es schaukelt. Daher auch der Begriff" wir werden das Kind schon schaukeln". Das Kind braucht nicht selbständig atmen, essen oder verdauen. Alles bekommt es von seiner Mutter.Es ist in eine weiche , warme geschützte Höhle gebettet umgeben von Wasser und sanfter Massage der Gebärmutter die es auf ein Leben vorbereiten soll außerhalb des Bauches.
Nun kommt diese Kind auf die Welt, was ist das erste was es erfährt? Wie mag sich das anfühlen geboren zu werden?

Mit der letzten Wehe wird das Fruchtwasser aus den Lungen gedrückt um das Einatmen zu ermöglichen, diese Lunge hat sich noch nie in der Form öffnen müssen ich stelle mir das nicht unbedingt einfach vor wenn du noch nie geatmet hast evt. tut es weh? Das Wasser umgibt dich nicht mehr und egal wie weich das Handtuch ist mit dem ein Kind zugedeckt wird, im vergleich zur Gebärmutterschleimhaut ist es mindestens sehr ungewohnt.
Es ist kalt, im Durchschnitt 12 Grad kälter als noch vor einem Augenblick und es ist hell!
Hände greifen nach dir, zum ersten Mal wirst du berührt. Von Latexhandschuhen ( außer wenn eine Hebamme so drauf ist wie ich, ich will nicht das die ersten Hände die ein Mensch fühlt Gummihände sind)
Manchmal schieben sie dir einen Schlauch in den Hals und saugen dich ab, oder sie wischen dir durch dein Gesicht mit einem Lappen.
Wenn eine gute sensible Hebamme dabei ist dann kann auf so einiges verzichtet werden.
Ein warmes Handtuch, keine Handschuhe, kein Absaugen wenn das Kind atmet, Licht ist abgedunkelt und es wird leise gesprochen.
Wer sich Zeit zum Beobachten nimmt der kann sehen wie ein Kind was auf dem Bauch der Mutter zusammengerollt liegt, die Fäustchen vor dem oft angestrengten Gesicht, und wartet, nichts tut , dem Kind die Zeit lässt um anzukommen, der kann sehen wie dieser kleine Mensch langsam und vorsichtig beginnt seine Welt zu begrüßen.
Nach ca. 20 Min. zeigt das Kind erste Suchbewegungen, es weiß da gibt es etwas was noch zum Leben gehört .. Nahrung. Auch das muss es lernen, es hat noch nie ..den Mund weit öffnen müssen , ein Vakuum ansaugen, die Warze umschließen, die Milch ausstreichen, schlucken und von vorn beginnen müssen! Da ist noch nie Nahrung durch diesen Darm gegangen und der Darm hat auch noch nie sich wellenartig zusammengezogen.
Auch das sind völlig neue Erlebnisse die das Kind lernen und verarbeiten muss.
Nun werden Mutter und Kind zur Station verlegt um sich zu erholen.
Tja, wären da nicht diese Prophylaxen als da wären .. Vitamin K in den Mund ( schmeckt ekelhaft bitter), in manchen Kliniken immer noch die brennenden Augentropfen die längst überholt sind, Hüftultraschall und Hörscrening, Stoffewchselteste und Blutzuckerbestimmungen , wiegen, durchs Wasser gezogen werden , weil wir das für notwendig halten. Das Kind würde sicherlich anderes wollen wenn es gefragt würde.
Nun gehen Mutter und Kind nach ein paar Tagen ( oder auch Stunden) nach Hause. Wieder ist alles neu, Gerüche, Geräusche, Licht, Luft, die erste Autofahrt. Der Besuch der manchmal schon in der Wohnung wartet und das Kind dann schnell von einem Arm auf den anderen wandert.
Beim stillen läuft der Fernseher und die Spieluhr dann im Bett des Kindes.
Wer das alles verarbeiten soll, ohne dann irgendwann mal wie ein Kessel der unter Druck steht zu explodieren der ist nicht normal.
Und wann machen sie das? Genau .. Nachts! Weil es da mal still ist und mir zugehört wird, weil es dunkel ist und sich nichts mehr bewegt wie damals im Bauch.
Unsere Kinder sind häufig reizüberflutet wir muten ihnen zuviel zu und wundern uns dann wenn sie schreien wie am Spieß!
Man kann nicht alles vom Kind fernhalten aber ab und zu mal sich in diesen kleinen Körper und die Seele zu versetzen würde deutlich machen was ein Kind wirklich braucht!
Kein teures Kinderbett oder Wiege, die Arme , die Nähe, die Stimme der Eltern, getragen und gehalten werden stille und Rücksicht in den ersten Wochen. Ja, ich finde wir sollten sie verwöhnen nach Strich und Faden und unsere Bedürfnisse weit nach hinten stellen. Denn dann geben wir unseren Kindern etwas sehr wertvolles..das Urvertrauen das sie brauchen um sich neuem zu öffnen und es als Bereicherung zu erleben.

Es gibt einen schönen Spruch dazu.

Gib einem Kind starke Wurzeln wenn es klein ist, und große Flügel wenn es groß ist.
Wer sich jetzt fragt warum ich hier dieses Pamphlet verfasst habe .. es gab einige Fragen hier die mich dazu ermuntert haben. Auch wenn es wie immer sehr lang ist so hoffe ich das ihr es mit Interesse gelesen habt.

LG
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9 Antworten (neue Antworten zuerst)

9 Antwort
Ich bin echt froh, dass Du hier im Mamiweb bist
Einige hier sollten sich Deinen Text sehr sorgsam durchlesen
Solo-Mami
Solo-Mami | 02.12.2009
8 Antwort
wow!
schöner und vor allem wahrer hätte man es nicht beschreiben können :-) kaum einen ist das so klar wie du es hier verfasst hast! echt super!
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 01.12.2009
7 Antwort
@blondie39
Danke sehr.
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 30.11.2009
6 Antwort
..........
schön....
NaDieMelle
NaDieMelle | 30.11.2009
5 Antwort
Oh man ...
... ich glaube, ich brauch mal wieder ne Großpackung Taschentücher. Ich danke dir für diesen tollen Beitrag! Ich weiß, dass ich noch viel im Umgang mit meiner kleinen Maus zu lernen habe ... und ich hoffe wirklich, dass ich es schaffe, ihr die Dinge zu geben, die wirklich wichtig sind ...
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 30.11.2009
4 Antwort
DANKE!!!
Dafür hast Du mein Däumchen! Vielen Eltern, auch mir sehr lange, ist gar nicht bewusst, wie hart der Übergang ins selbstständige Leben ist. Ein Neugeborenes ist sicher auch ein klein wenig ängstlich, wenn plötzlich all diese Veränderungen eintreten. Es sucht Schutz, das Vertraute und dann ist da Mama, die es hält, beschützt und sich die Zeit nimmt, es sanft an all das Neue zu gewöhnen. Zumindest sollte es doch so sein. Ich habe ambulant entbunden, weil ich die Zeit für uns haben und entscheiden wollte, wer, wann, zu Besuch kommen darf. Ich wollte nicht, dass Horden auf uns einstürmen und sich das Kind packen, das dann völlig verwirrt nur eines weiß: das ist nicht meine Mama! Und auch dem Drang zu widerstehen, mein Baby herum zu fahren und jedem zu zeigen, musste ich erst lernen. Doch dann sagte mir eine alte Hebamme einmal: "Stell Dir vor, Du bist kuschelig arm, in einen Mantel gehüllt, an einem wunderbar gemütlichen Ort der Ruhe und Entspannung. Ganz plötzlich schiebt dich eine Kraft, die Du nicht beeinflussen kannst, aus deiner warmen, schönen Umgebung und schubst Dich nackt, von einer Eisscholle, ins kalte Polarmeer. Alles ist saukalt, so, dass es vielleicht sogar weh tut, Deine Lunge brennt, Das grelle Licht, dass sich auf den Schollen reflektiert, blendet Dich und auf den anderen Schollen, stehen unzählige Menschen, die Dich anfeuern und anfassen wollen." Ich habe es versucht mir vorzustellen und es gefiel mir überhaupt nicht. Ab dem Tag, war für mich klar, all die Anderen können warten, mit ihrer Neugier aufs Kind, sie sehen es noch früh genug, denn wir haben nicht vor, es wieder wegzugeben. Sollten mich die Verwandten und Bekannten für eigensinnig halte, mein Kind und sein kleines Nervenkostümchen, waren mir das wert.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 30.11.2009
3 Antwort
TOLL !!!!!!
Danke !!!!!!
ZoeFabienne
ZoeFabienne | 30.11.2009
2 Antwort
ja
sowas hätte ich meinen beiden auch gewünscht.. nicht mal ein blick in ihre gesichtchen, ein streicheln übers gesicht, nichts.. wie wahr deine worte...
luana1980
luana1980 | 30.11.2009
1 Antwort
Ich
habe schon seit langem nicht mehr so etwas Schönes und Sinnvolles gelesen wie das hier. Vielen herzlichen Dank!
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 30.11.2009

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