Penible Betrachtung über „behindert sein“

Moppelchen71
Moppelchen71
27.03.2012 | 15 Antworten
Gestern Abend saßen mein Mann und meine beiden großen Söhne (15 + 18 Jahre) zusammen und machten und einen Spaß. Eigentlich sollte es eine eher ernsthafte Unterhaltung werden, aber nach und nach nahm alles immer mehr die Züge einer so genannte „Milchmädchenrechnung“ an, die ich, trotz Ernsthaftigkeit des Themas, doch recht amüsant finde und Euch daran teilhaben lassen möchte, um vielleicht ebenso schmunzeln zu können.
Nicht über das Thema an sich, sondern eher darüber, dass man alles immer auch so sehen kann, wie man es möchte, dass es Argumente für und wider gibt und unsere ach so erhabene Gesellschaft zumindest nicht die einzig zulässige Wahrheit für sich gepachtet hat.
Seid Ihr also bereit, für eine andere Betrachtung des Wortes „behindert“? Dann legen wir mal los und ich wette, die Mehrheit sitzt im Laufe der bei uns entstandenen Theorie zumindest zwischendurch grinsend am PC.

Definiert man ganz penibel das Wort „Behinderung“, meint man anfangs, es bezieht sich allein auf Menschen, die geistig und körperlich starke Pflegebedürftigkeit haben. Sie können kaum etwas allein, sind in so gut wie allen Punkten auf Hilfe angewiesen, ...
SO denken wir allgemein!
Aber was bedeutet das Wort „Behinderung“, wenn man es rein nach seiner Herkunft definiert und anhand derer interpretiert?

„Behindert“ bedeutet doch eigentlich nur, dass jemand in einem oder verschiedenen Bereichen beeinträchtigt ist. Wir messen dabei nach einem Standard. Der Mensch hat eine festgelegte Anzahl Gliedmaßen, Organe, motorische Fähigkeiten, durchschnittlichen IQ, ... Wir haben also so zu sagen eine Art Tabelle, worin wir den Standard eines „gesunden“ Menschen festlegen.
Jeder, der von diesem Standard abweicht, egal in welche Richtung, ist also nicht durchschnittlich.
Soweit zu folgen, ist noch nachvollziehbar, oder?

Nun mag manch Einer denken „Ja, aber.... Behinderung heißt ja stärker beeinträchtigt zu sein.“
Möglich. Aber wo, in der Definition „Behinderung“ steht denn, ab wann dieses „stärker beeinträchtigt sein“ beginnt?
Definiert sich das nicht im Einzelfall und muss man dabei nicht vor allem einbeziehen, wie es die betroffene Person, aus ihrer Sicht sehen würde?
Ich habe Menschen kennen gelernt, die laut Definition der Masse, als schwerbehindert gelten. Menschen, die nie laufen konnten, ihr Leben im Rollstuhl verbringen und denen man Mitleid oder Ausgrenzung entgegenbringt, weil sie ja nie, wie alle anderen, laufen, rennen und springen können.
Fragt man diese Menschen selbst aber, bekommt man häufig zur Antwort „Ich kenne mein Leben nur so. Was sollte ich also vermissen? Wenn, dann vermisse ich etwas, was ich bei anderen sehe, aber wer sagt mir denn, dass das besser ist, als das, was ich kann oder nicht kann? Das wollen die beurteilen, die laufen können. Aber wie können sie beurteilen, wie wenig das Laufen fehlen kann, wenn man es nie konnte?“

Sind wir also schon einmal an dem Punkt, wo man sich eingestehen muss, dass „Behinderung“ oft keine Definition, sondern viel mehr eine Beurteilung derer ist, die glauben, durch ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten, dem durchschnittlichen Standard mehr anzugehören, als die Menschen, die sie als „behindert“ ansehen.
Nur, wenn man diesen Standard nun genauer unter die Lupe nimmt, dann fragt man sich, was eben den Standard ausmacht. Nicht behindert zu sein, würde doch dann, als logische Konsequenz bedeuten, dass man weder körperlich, noch geistig eingeschränkt ist.
So weit, so gut, auch das verstehe ich.

Nun gehe ich in meinen Gedanken weiter und lasse meine Kreise immer enger werden. Da ist mein Mann, der einen Lendenwirbel mehr hat. Etwa 20% der Menschen haben eben diesen einen Lendenwirbel mehr, also nicht gerade der durchschnittliche Mensch. Und eben durch diesen einen Lendenwirbel mehr, kann es zu Beschwerden und Beeinträchtigungen kommen. Kann mein Mann also bestimmte Bewegungen und Arbeiten nicht mehr ausführen, die der Mehrheit der Menschen möglich sind, wäre mein Mann, in der peniblen Definition, also tatsächlich „behindert“.

Aber dann bin ich es ja auch! Zeitlebens, ist der Wert meines Langzeitzuckers konstant, wenn auch nur minimal, über der Obergrenze der Richtwerte. Dadurch bin ich als Diabetikerin eingestuft. Auch wenn ich selbst keinerlei Beschwerden spüre und über Auflagen, die man mir prophylaktisch auferlegen will, nur lache, KÖNNTE ich theoretisch, unter dieser Diabetes, eingeschränkt sein. Zumindest muss ich regelmäßig überwacht werden, man drückt mir Schulungen aufs Auge und bereitet mich auf eine eventuell später nicht ganz unwahrscheinliche Insulinpflicht vor. Also entspreche ich nicht dem Durchschnitt und müsste damit als „behindert“ gelten.

Mein ältester Sohn musste als Säugling am Herz operiert werden. Ohne OP hätte er nicht überleben können und in den kommenden Jahren galt es darauf zu achten, dass er sich gewissen Gefahren nicht aussetzt. So musste er grundsätzlich, wenn es in seinem Umfeld zu Erkrankungen an Scharlach kam, prophylaktisch Antibiotika nehmen, um nicht selbst Scharlach zu bekommen, dessen Nachfolgeerkrankungen für ihn lebensgefährlich hätten werden können. Ebenso musste er über Jahre, selbst bei kleinsten Eingriffen, wie das Ziehen eines Zahnes, Antibiotika nehmen, um das Infektrisiko zu minimieren. Das alles braucht ein „gesunder“ Mensch nicht, also müsste mein ältester Sohn, in der peniblen Definition, als „behindert“ einzustufen sein.

Ebenso mein mittlerer Sohn. Die Keime seiner bleibenden, vorderen Schneidezähne im Unterkiefer, sind nicht angelegt. Er wird also nie vorn unten, bleibende Zähne bekommen. Gerade die Schneidezähne im Unterkiefer, die doch für einen durchschnittlichen Menschen so wichtig sind, um Nahrung problemlos und wie die meisten anderen Menschen, abbeißen zu zu können. Ohne entsprechenden Zahnersatz, wird das schwer sein und damit gilt auch dieser meiner Söhne, in der peniblen Definition, als „behindert“.

Gehe ich so meinen Verwandten- und Bekanntenkreis durch, stelle ich mit Entsetzen fest, dass ca. 80% der Menschen, die ich kenne, in irgendeiner Art, mehr oder weniger „behindert“ sind.
Nun mag man sagen, dass Behinderung SO nicht zu bemessen ist, da es dafür Richtlinien gibt, siehe Kriterien zur Erteilung eines Behindertenausweises.
Da gebe ich nur teilweise Recht, denn diese Kriterien legen nicht das Wort „Behinderung“ fest, sondern nur den Grad der Hilfsbedürftigkeit und inwieweit diese Hilfe erfolgen sollte. Wäre dem nicht so, würden sich die Kriterien nicht nach Ermessungen und Beurteilungen von Fähigkeiten und ihrem Bedarf an Hilfe und Unterstützung, nicht ständig ändern. So erhielt man vor ca. 30 Jahren schon einen Behindertenausweis, wenn man aufgrund eines Herzfehlers nur relativ geringfügig Eingeschränkt war. Heute muss man, für die selben Vergünstigungen, die der Behindertenausweis mit sich bringt, schon weit pflegebedürftiger sein.
Also grenzen wir mal die menschlich festgelegten Kriterien, bei der Definition über „behindert“, die die Erteilung eines Behindertenausweises rechtfertigen oder ausschließen, komplett heraus und beschränken uns weiter nur auf die rein menschliche und linguistische Bedeutung des Worts „Behinderung“.

Somit kommt man dann schnell wieder an den Punkt, sich verdeutlichen zu müssen, dass also jeder Mensch in etwa 70% „behinderte“ Menschen in seinem Umfeld hat. Da sind es größere und kleinere Beeinträchtigungen, die kaum, bis gar nicht oder doch umfangreicher ins alltägliche Gewicht fallen, trotzdem aber vom „durchschnittlichen Standard“ abweichen.
Soweit habe ich verstanden. Definiere ich also „behindert“ ganz penibel, stelle ich fest, dass ca. 70% aller Menschen durchschnittlich „behindert“ sind.

Und genau DA komme ich dann in gedankliche straucheln!
Wenn also ca. 70% „behindert“ sind, dann wären etwa 30% „normal“ und Durchschnitt. Somit ist „normal“ und Durchschnitt doch dann aber die Minderheit! Betrachtet man dabei noch, dass in den 30% weiterhin eine gewisse Prozentzahl Menschen vorhanden ist, die aus der Durchschnittlichkeit herausfallen, weil sie Fähigkeiten besitzen, die überdurchschnittlich sind, dann verbleibt eine noch kleinere Zahl an Durchschnittsmenschen.
Das wiederum heißt für mich, dass der Durchschnittsmensch eine Minderheit bildet. Eine Minderheit, die nicht dem tatsächlichen Durchschnitt der Menschen mit „Behinderungen“ entspricht. Und genau an dem Punkt muss ich mir dann die Frage stellen, wer denn nun in der Minderheit ist und damit zu einer Randgruppe zählt?
Menschen mit „Behinderungen“ wohl ganz sicher nicht, oder?

(kirchern)
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15 Antwort
vor der op hab ich mit beiden augen nur noch ca. 20% gesehen, in der steinzeit nicht überlebensfähig, den tiger hät ich wahrscheinlich erst gespürt, dann gesehen ^^
Nayka
Nayka | 27.03.2012
14 Antwort
@Moppelchen71 ja, das ist leider so. ich finde es traurig, dass meine mutter sich so sieht. mir sind die menschen mit "einschränkung" allerdings manchmal lieber, als die anscheinend "normalen". von ihnen erhascht man viel öfter ein lächeln, fröhlichkeit und unbekümmertheit. durch meine ma bin ich öfter in kontakt mit menschen mit behinderungen. ihr geht es von allen da in der gruppe echt am besten. viele haben viel stärkere einschränkungen und gehen arbeiten, in nen fussballclub, ausgang.... ich bewundere diese menschen, die für ihr recht in der gesellschaft kämpfen. obwohl es sehr schade ist, dass sie dafür überhaupt kämpfen müssen.
fluketwo
fluketwo | 27.03.2012
13 Antwort
@fluketwo Meist sind es ja die, die sich für "normal" halten, die Andere als "behindert" bezeichnen.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 27.03.2012
12 Antwort
nun ja, dann bin ich auch behindert ;-) bin stark kurzsichtig wie alle in meiner familie, dazu bin ich mit meinen fast 1.51m knapp am zwergenwuchs vorbei. mein grosser hat ne fussfehlstellung, mein kleiner hat sichelfüsse und ne hüftdysplasie. meine mutter und mein leiblicher vater sind gehörlos und mein stiefvater ist starker analphabet. mein neffe hat ahds. meine sis und meine ma haben dazu auch noch psychosen.... ach das würde nur noch so weiter gehen das schlimmste finde ich bei meiner mutter, dass sie ihre gehörlosigkeit wirklich als behinderung sieht. ich kannte sie immer als eine selbstständige und einigermassen fröhliche mama. heute ist sie ein psychisches wrack und versteckt sich hinter ihrer "behinderung" für mich ist behinderung nicht gleich behinderung. ich mag es gar nicht, wenn sich leute mit "einschränkungen" als behindert betiteln lassen nur damit sie nicht mehr arbeiten müssen. davon kenne ich leider genug einschliesslich meiner ma.
fluketwo
fluketwo | 27.03.2012
11 Antwort
SUPER geschreiben und völlig der warheit endsprechend, ich gehöre ebendfalls zu der mehr heit ich selber sowie mein ältester sind sehbehindert, ich kurzsichtig mein sohn weitsichtig und wenn ich mir gedanken über den rest meiner kleinen familie machen würde, würde ich ganz sicher zu dem schluß kommen das wir alle zu der mehrheit gehören, da fragt man wirklich wer das recht hat darüber zu urteieln wer normal ist und wer nicht, scheuslich der gedanke, ich bin auf grund der beurteiung einer minderheit behindert weil ich nicht der festgelegten norm entspreche.
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 27.03.2012
10 Antwort
:-) :-) :-) Wundervoller Text ;o) Mein Bruder ist auch "behindert" er wurde bei der Geburt mit zu wenig Sauerstoff versorgt und leidet seitdem an einer Sprachstörung, schlechtes Sehvermögen und Spasmen- und siehe da er ist total normal, soweit man einen 20 jährigen, jungen Mann, der die Pupertät noch nicht ganz abgeschlossen hat, als normal bezeichnen kann XD Wir selber bezeichnen ihn i.d.R. nicht als behindert, warum auch, er ist vielleicht in gewissen Dingen etwas eingeschränkt, naja sind wir aber wohl alle irgendwie, bei gewissen Sachen*g* Ich hab sowiso das Gefühl, das unsere Gesellschaft vieles viel zu Ernst nimmt. LG
Lia23
Lia23 | 27.03.2012
9 Antwort
ich bin auch behindert, weil ich stark kurzsichtig bin, mein Mann auch. Meine jüngste Nichte ist demzufolge auch behindert, weil 2 ihrer Zehen ein Stück zusammengewachsen sind. als meine Schwägerin das mal dem Kinderarzt gezeigt hat, meinte der, das ist ihre persönliche Note.
Chrissi1410
Chrissi1410 | 27.03.2012
8 Antwort
Gehöre auch zur Mehrheit. Ich bin mehrfach behindert. Habe Diabetes Typ 1 , bin leicht kurzsichtig, habe AD und Dank meines Unterschenkel-/Fussbruchs vor 5 Jahren leicht gehbehindert
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 27.03.2012
7 Antwort
@Mami20072004 Ja, aber eingeschränkt in welchem Vergleich? Genau genommen vergleicht man doch an einer Minderheit, der so genannten "normalen" Menschen. Und wenn man dann feststellen muss, eine Minderheit ist kein Durchschnitt, dann müsste man zwangsläufug zugeben, dass eben die, die nicht der Mehrheit angehören, die eigentlichen "Behinderten" sind, denn sie fallen ja aus der Mehrheit/dem Durchschnitt heraus.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 27.03.2012
6 Antwort
Wo du recht hast, haste recht!!
Sephoria
Sephoria | 27.03.2012
5 Antwort
Normal und behindert sind zwei Wörter, die ich immer sehr ungern verwenden. Normal aus dem Grund, dass uns keiner sagen kann: Was ist eigentlich wirklich normal. Und behindert finde ich einfach völlig unpassend und unschön, ich bevorzuge da immer körperlich oder geistig eingeschränkt.
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 27.03.2012
4 Antwort
@tate Mhm... penibel gesehen, bedeutet "behindert" ja eigentlich auch anhaltend eingeschränkt zu sein. Bei Schwangerschaft ist es ja nur vorübergehende Beeinträchtigung, wenn auch teilweise sehr gravierend. Um nun zu definieren, was man ist, wenn man nur eine Zeit lang beeinträchtigt und "behindert" ist, würde man zwangsläufig, in der Definition, an den Punkt kommen, wo man feststellt, dass eine vorübergehende Beeinträchtuigung als "erkrankt" einzutufen sein müsste. Und an dem Punkt stelle ich fest, was ich auch hier immer wieder als Eindruck vermittelt bekomme: Scwangerschaft scheint also tatsächlich eine Krankheit zu sein!
Moppelchen71
Moppelchen71 | 27.03.2012
3 Antwort
das wort "behinderung" hat für mich schon lange nicht mehr die selbe bedeutung, wie es für die "normalen" menschen haben mag! wenn man es ganz genau nimmt, könnte z.b. eine schwangere frau auch zu den "behinderten" zählen...zumindest über einen gewissen zeitraum ist ja auch egal! für mich zählen behinderte menschen genauso zur gesellschaft wie alle anderen menschen schlimm finde ich nur die, die sich selbst behindern und nichts daran ändern wollen
tate
tate | 27.03.2012
2 Antwort
Wo du Recht hast haste Recht. Bin übrigens auch behindert ... trage ne Brille wegen Kurzsichtigkeit.
Stephie25
Stephie25 | 27.03.2012
1 Antwort
Ich gehöre zur Mehrheit! Hab ne Sehbehinderung. Bin kurzsichtig!
AliceimWunderla
AliceimWunderla | 27.03.2012

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