Trauer und taktgefühl!

Moppelchen71
Moppelchen71
25.02.2009 | 7 Antworten
Zwei Worte mit T.
Das war es dann aber schon mit den Gemeinsamkeiten.
Jedenfalls, wenn ich so das Verhalten in meinem Umfeld beobachte.

Natürlich wird man in der Situation des Trauerns überempfindlicher und nimmt sich Vieles mehr zu Herzen, aber so ganz prickelnd können einige Verhaltensmuster Anderer auch nicht benannt werden.

Jeder wird wohl den Schmerz kennen, wenn man einen lieben Menschen verloren hat.
Man ist zerrissen, möchte trauern, will stark sein ..
Alles läuft völlig spurlos an einem vorbei, im Inneren herrscht dieses Taubheitsgefühl und eine wahnsinnige Leere ..

Und dann geht sie los:
Die moralische Aufbauhilfe!
Pausenlos klingelt das Telefon.
Trotz oder vielleicht auch wegen all der Kopflosigkeit, habe ich angefangen, meine Anrufer in typische Gruppen einzuteilen.

Anruf:
"Mein Beileid, .. " und spätestens ab dem dritten Satz wird man dann abgelenkt von der persönlichen Traurigkeit, weil der Gesprächspartner einem vor Augen hält, in wie viel größeren Problemen er doch steckt, weil er/sie nicht weiß, was man zum blind-date anzieht.
Meine Antwort:
"Ich habe zwar kein blind-date, aber bei meiner Verabredung werde ich die Person, wegen der ich dort bin, auch nicht sehen können, bzw. eher “blind” vor Tränen sein. Und ich trage schwarz dabei, wie all die anderen Menschen."

Oder dann die aufbauenden Sprüchlein:
“Sei bitte dankbar, Deine Oma so lange gehabt zu haben. Wenn ich daran denke, wie früh ich meine verloren habe, was sie alles nicht mehr miterleben konnte. Da geht es Dir tatsächlich noch richtig gut, im Vergleich zu mir.” und dann wird in den Hörer geschluchzt, was natürlich nur das Bedürfnis, nun von mir getröstet werden zu wollen, unterstützen soll.

Eine weitere, besonders hartnäckige Spezies:
“Man, echt mal mein Beileid! Hab gehört, Du warst bis zum Schluss dabei? Finde ich voll cool! Erzähl mal, wie war das denn!” und man spürt geradezu den geifernden Sabber-Blick, wie der Anrufer sich seelisch darauf vorbereitet, ein besonders reales Horror-Hörbuch vorgestellt zu bekommen.

Meine Antwort (mit eisigem Sarkasmus):
“Ja, Mann ey, das war so cool! Meine Oma hat um jeden Atemzug gekämpft. War richtig anstrengend für sie. Und abgemagert war die! Konnte ja auch kaum noch was Essen. Und als sie dann starb, hat sie eine Viertelstunde so gezittert, dass das ganze Bett gewackelt hat. Kannst Dir echt nicht vorstellen, wie cool das war, ihr beim Sterben zusehen zu können. Man, was ich mich ärgere, keine Kamera dabei gehabt zu haben!”

Aber so richtig taff sind die Leute, die anrufen, Mitgefühl antäuschen und Dir dann an den Kopf ballern:
“Naja, jetzt ist sie tot, das kann man nicht ändern und Du musst Dich damit abfinden. Das ganze Geheule bringt sie nicht zurück und macht Dich nur fertig. Meinst Du nicht auch, es ist Zeit, endlich damit aufzuhören?”

Ja, natürlich, wie konnte ich auch nur so die Contenance verlieren?
Immerhin ist die Frau, die mich großzog schon fünf Tage tot.
Und warum hat mir niemand vorher gesagt, dass Trauer eine irrationale Emotion ist, die keinerlei Auswirkungen darauf hat, ob der geliebte Mensch vielleicht wieder kommt?

Meine Söhne sind ebenfalls völlig durch den Wind, da Oma für sie eine sehr enge Bezugsperson war.
Unser Hausarzt hat beide für diese Woche krankgeschrieben.
Prompt kommt ein Anruf der Schulsozialarbeiterin, ich möchte doch nicht meine Söhne zu Hause behalten, da sie sonst soviel verpassen und außerdem wüsste man aus Erfahrung, dass Schule im Falle der Trauer eine sehr gute Ablenkung wäre.

Ja, klar, meine pubertierenden, unter Dauer-Hormonbeschuss stehenden Jungs, die völlig neben der Spur laufen, mit einer Jacke angerannt kommen, wenn sie doch Schuhe anziehen wollten, würden sich sicher prächtig in der Schule ablenken.
Ein schiefer Blick und schon ist die Prügelei in vollem Gange.
Folge: Schulverweis.
Aber Hauptsache, sie waren abgelenkt!
Und sicher verpassen sie sehr viel, wenn sie nicht in der Schule sitzen.
Gerade in solche Situationen schreibt man erfahrungsgemäß ja auch die besten Noten.

Man kämpft mit sich, fühlt sich unverstanden, will einfach nur einmal fallen, um weinen zu können und von allen Seiten kommt ein Trommelfeuer, das Trost spenden soll, aber nur noch tiefere Wunden reißt.
Dann kapselt man seine Gefühle ab, wirkt stumpf und versucht einfach nur zu existieren, das Alles hinter sich zu bringen.
Kommentar aus dem Umfeld:
“Mensch, Du nimmst das alles so gelassen! Empfindest Du denn nichts?”

Doch, ich empfinde viel!
Sehr viel!
Doch ich empfinde es für mich und nicht für die Kommunikationsbefriedigung Anderer!

Und dann fange ich an, nachzudenken.
Wie verhalte ich mich, wenn jemand aus meinem Umfeld trauert?
Was sage ich, tue ich, um diesem Menschen ein Halt zu sein, ohne das mehr für mich zu tun, statt dem Menschen, für den ich da sein möchte?

Zu welcher Kategorie Sprücheklopfer gehöre ich?
War ich beispielsweise für meine Freundin da, als ihre Mutter starb?
Habe ich ihr zugehört, wenn sie einfach nur das Bedürfnis hatte, über sie zu reden?

Sicher, ich habe sehr viele liebe Freunde, auch hier, die einfach nur eine Umarmung schicken oder sich anbieten, Tag und Nacht bereit zu sein, wenn ich jemanden brauche, der zuhört.
Diese Freunde sind so kostbar, wenn auch selten.

Und dann kommt das schlechte Gewissen in mir hoch.
Genauso, wie diese lieben Freunde zu mir sind, möchte ich auch sein können, nicht so, wie meine Kategorie-Freunde.

Und ich glaube, jeder, der einmal in sich hinein horcht, wird vielleicht feststellen, auch schon einmal die Trauer eines Freundes nicht richtig verstanden und reagiert zu haben, wie die, die mich gerade übel annerven.

Mir jedenfalls geht es so und ich erkenne plötzlich Menschen um mich herum, denen es genauso geht/ging, wie mir.
Und dann wird mir bewusst:
Trauer erlebt jeder für sich, ganz persönlich. Aber alle zusammen können wir diese Trauer schwächen, denn Menschen, die sich Kraft geben, zuhören und im Arm halten können, zeigen mehr Mitgefühl, als jedes Wort, das gesagt werden könnte.

Für mich hat nun nicht nur ein neuer Lebensabschnitt ohne mein geliebtes Omchen angefangen, sondern auch ein Ära der Erkenntnis.
Und geholfen haben mir die Menschen, die mir das Recht zusprechen, einfach nur von der Rolle zu sein.
Ich hoffe, ich werde ebenso eine Freundin sein können, wenn einer dieser Menschen mich einmal braucht.
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7 Antworten

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1 Antwort
oh ja du hast ja so recht
als meine oma vor zwei jahren starb konnte ich mir anhören das es für sie ja wohl das beste sei endlich von dieser welt gegangen zu sein da sie ja eh nur jahre mit demenz und alzheimer vor sich hin "vegetiert" habe. ist immer schön wie andere das beurteilen können..... wer solche freunde hat braucht keine feinde mehr. in solchen situationen sieht man aufeinmal was für tolle freunde man da hat wenns einem wirklich schlecht geht und was für ein Fein- und Tatktgefühl an den Tag legen.
Cathy01
Cathy01 | 25.02.2009
2 Antwort
trauer
ich nehme dich mal leise in den arm wenn ich darf, es ist schwer in zeiten der trauer die richtigen worte zu finden und oft sind gerade die gsagten worte diese die wir doch am wenigsten gebrauchen können klar gehört es auch dazu das man in trauer einfach viel feinfühliger ist auf die wahrheit die hinter den gesprochenen worten steckt aber meistens ist das umfeld einfach auch mit der situation einem menschen trost zuzusprechen überfordert ich weiß leider sehr genau das auch meine worte dir nicht weiterhelfen können aber irgendwann wenn die größte trauer einfacher wird zu ertragen wirst du die kraft haben dich an die schönen momente erinnern zu können und dabei ist es völlig egal wie alt ein mensch werden durfte ich wünsche dir und deiner familie ganz viel kraft und möge die zeit euch helfen wieder schöne momente erleben zu dürfen lg anja
mehrfachmami
mehrfachmami | 25.02.2009
3 Antwort
Danke!
ja, ich erinnere mich sehr wohl an die schönen Momente. Vielleicht tut es gerade deshalb so weh, denn man weiß, dass man genau diese gemeinsamen Freuden nicht mehr erleben wird. Wenn man trauert, dann hauptsächlich um sich selbst, denn man bleibt zurück, fühlt sich verlassen. Und doch ist gerade diese Form des Egoistischseins so wichtig, um verarbeiten zu können.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 25.02.2009
4 Antwort
WAS MAN TIEF IM HERZEN TRÄGT, WIRD MAN AUCH DURCH DEN TOD NICHT VERLIEREN
Diesen Satz hatte ich dir schon in einem anderen Beitrag geschrieben und ich hoffe, er zaubert dir wenigstens ein winzig kleines Lächeln ins Gesicht.
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 25.02.2009
5 Antwort
Ich schick dir
und deiner Familie eine kleine leise umarmung. nichts, was ich jetzt sagen/schreiben kann, würde euch helfen. aber ein bischen nähe und ein für-einander-da-sein kann dir zumindestens kurz zeigen, das du nicht allein bist und dir selber auch mal die kleinen schwachen momente erlauben darfst zum weinen und trauern. gerade jetzt in der ersten zeit wird dich diese trauer noch oft überfallen, in situationen, wo du denkst: wie hätte sie jetzt reagiert?was gesagt? was getan? noch tut es weh, das ist ganz natürlich. lebe diesen schmerz ruhig aus, sprich dich bei uns aus. und irgendwann, ich kann dir leider nicht sagen, wann, wird der moment kommen, wo du an deine oma denkst, was sie dir jetzt raten würde und dann... mußt du einfach schmunzeln. noch ein kleiner drücker nur für dich
nessa1380
nessa1380 | 25.02.2009
6 Antwort
Meine Süße
Die Menschheit verroht und verblödet langsam da kann man nichts machen außer sich distanzieren ich schicke dir ganz viel Kraft und Liebe
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 25.02.2009
7 Antwort
Hey Süße
nimm dir die Zeit, die du brauchst! Egal was manch einer sagt! Auch deine Jungs brauchen die Zeit! Drück dich mal ganz feste und schicke dir ganz viel Kraft!
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 25.02.2009

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