Ein Kind wird getauft, ein Ereignis bei dem ich schon mehrere Male dabei sein durfte. Eine Feier, mit fröhlichen Menschen, mit vielen Kindern, der Familie, mit Freunden und all jenen die von den Eltern die Ehre bekommen, dabei sein zu dürfen.
Eine Kirche, ein, ein Taufbecken, Paten, eine Taufkerze, Lieder die gesungen werden. Auch wenn man der Meinung ist nicht an Gott und Kirche zu glauben, so ist es doch ein Ereignis, bei dem man in sich geht und spürt, hier passiert etwas Besonderes. Wünsche für das Kind, die Eltern und die Paten werden ausgesprochen. Alle Anwesenden werden gesegnet.
Der Weg zu Yoriks Taufe war für mich nicht so wie der Weg sonst. Wir Drei, Meike, Caro und ich, saßen nun gestern im Auto auf dem Weg in die Medizinische Hochschule nach Hannover zu Yorik, Sylvia, Achim, seinen Geschwistern und Familie.
Wir haben geplauscht und auch gelacht, aus unserem Leben erzählt, von unseren Kindern und auch Männern gesprochen.
Manchmal, ganz unvermittelt entstand Stille und Nachdenklichkeit, auch Angst vor dem, was gleich passieren würde.
Vermischt mit der Freude Sylvia und ihre Familie zu sehen.
In der Cafeteria der Klinik wollten sich alle zunächst treffen um dann gemeinsam zu Yorik auf die Intensivstation zu gehen. Die Begrüßung von Sylvia und ihrer Familie war herzlich, jede Umarmung drückte Wiedersehensfreude aber auch Anteilnahme aus. Wussten wir doch alle, wie ernst es um YoFi steht.
Romy , Emmy und Zoe, die kleinen Mädchen, waren ganz aufgeregt dass sie zu ihrem Bruder und Neffen durften.
„Ich geh zu meinem Bruder Yorik, kommst du auch mit?“, fragte Emmy Meike. Meike und ich mussten lächeln und gleichzeitig den ersten drohenden Weinanfall unterdrücken.
Sylvia und ich verließen ein paar Minuten früher die Cafete um mit der Seelsorgerin noch kurz den Ablauf zu besprechen und um die mitgebrachten Taufgaben noch auf dem Tauftisch zu arrangieren.
Wir kamen gleichzeitig mit der Seelsorgerin auf der Station an. Eine Frau mit grauen Haaren, die viel Wärme ausstrahlte. Auch ihre Hände waren warm. Sie wirkte ruhig und freundlich, hatte weiche dunkle Augen und ich habe mich in ihrer Nähe sehr wohl gefühlt.
Sie war sehr offen für alles, was Sylvia und ich ihr antrugen.
Wie jedes Mal, wenn ich vor so einer Intensivstation stehe und nach dem schellen auf Einlass warte, macht es mir Bauchschmerzen, dass eine Mutter warten muss um zu ihrem Kind zu gelangen. Es fühlt sich nicht richtig an, ungehörig und ungerecht!
Auch wenn ich vom Verstand natürlich weiß, es geht nicht anders.
Wer zu einer Tauffeier geht, zieht sich in der Regel etwas esonders Schönes oder auch Festliches an. Wir haben zunächst unsere Hände mit Desinfektionslösung gewaschen, einen weißen, sterilen Kittel angezogen und einen Mundschutz über Mund und Nase gesetzt.
Wo sonst eine Orgel spielt, Kinderlachen zu hören ist, waren hier Geräte, die piepsten, Ärzte und Schwestern, die ihre Arbeit machten. Und doch konnte ich spüren, dass alle, die geschäftig um uns herum liefen, beim Anblick des Tauftischchens etwas langsamer gingen und ruhiger wurden.
Sylvia begrüßte zunächst Yorik, während ich die Taufkerze und „Wassertropfen“ auspackte, die mitgebrachte weiße Orchidenblüte ins Wasser stellte und alles auf dem Tauftisch drapierte. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich nicht zuerst mal klein YoFi begrüßen sollte, statt hier geschäftig rumzuwuseln, stellte mir dann aber vor, wie ich mich als Mutter fühlen würde? Ich wäre um jeden einzelnen Moment, den ich mit meinem Sohn so allein wie irgend möglich sein könnte, unendlich dankbar und froh und so hielt ich mich noch einige Minuten zurück.
Wenn ich ehrlich zu mir selber bin, dann gestehe ich mir auch ein, ich hatte Angst nah zu Yorik zu gehen und diesen kleinen Jungen zu berühren, der da, angeschlossen an Geräten, liegt.
Sylvia beküsste und beschmuste ihren YoFi innig und ich konnte sehen, wie der kleine Kerl es sichtlich genoss, auch wenn die Müdigkeit ihn fest in ihrer Umarmung hielt.
Ich legte meine Hand auf seine Stirn und sein Herz und begrüßte ihn. Die mir eigentlich angewiesenen Gummihandschuhe hatte ich wissentlich vergessen! Es wäre mit so was von daneben vorgekommen, wenn ich seinen Körper mit Latex berührt hätte. Ich wollte seine Haut fühlen und seine Wärme. Wie schon im Dezember war ich beeindruckt von seiner Ausstrahlung auf mich. Auch wenn ich nicht tief gottgläubig bin so glaube ich an die Seele die in jedem Menschen wohnt. Und die ist bei Yorik so wach, stark, lebendig, gesund und fühlbar wie es nur selten anzutreffen ist.
Der Raum war klein und durch die darin befindlichen Geräte war wenig Platz. Nach und nach kamen alle Taufgäste, begrüßten YoFi und suchten sich einen Platz im Raum.
Die Pastorin läutete mit einem kleinen Glockenspiel die Taufe ein und begann zu sprechen.
Gerne würde ich hier den ausführlichen Ablauf und alles, was gesagt wurde, so wortgetreu wiedergeben, aber es war sehr anstrengend bei all dem, was in mir vorging, sich auf die Worte zu konzentrieren. Die Kinder wurden auch unruhig und lenkten immer mal ab, wofür ich sogar dankbar war.
Sylvia und ihre Familie hatten Runen gebastelt, deren Bedeutung jeder Schenkende an Yoriks Bett an ihn aussprach. Alle wurden aufgefädelt und als Kette über sein Bett gehängt.
Die Pastorin hat mich vor der Taufe gefragt, ob ich den Taufspruch vorlesen würde, was ich natürlich gerne tun wollte. Als sie sich jetzt zu mir umdrehte und mir ein Zeichen gab, war es eine sehr schwere Aufgabe, diese wenigen Sätze zu lesen, ohne dabei anzufangen zu weinen. Es gelang nur sehr wackelig und meine Stimme kippte ein paar Mal.
Sie vollzog die Taufe und bat uns dann, uns an den Händen zu fassen, einen Kreis um YoFi zu machen und sprach einen Segen über ihn und uns. Sie bot allen Gästen an, wer mochte, noch einen Segen an Yorik zu sprechen. Sylvia und ihre Familie tauchten den Finger ins Taufwasser und gaben ihn an YoFi als Zeichen weiter.
Die Taufkerze durften wir leider nicht in dem Raum anzünden, da man Bedenken hatte wegen des Sauerstoffverbrauchs, die sie verursachen würde. Auch hier sagt mein Verstand auf der einen Seite, dass dies nachvollziehbar war, auf der anderen Seite ärgerte es mich, denn wir reden hier von ein paar Minuten, die YoFis Kerze gebrannt hätte und mit ihrem Licht den Raum erfüllt Hätte. Wir, Caro, Meike und ich, hatten Fürbitten für YoFi ausgesucht, die wir verlesen wollten, wir sahen uns aber jetzt nicht mehr in der Lage dazu. Auch einen irischen Segenswunsch, den ich zusammen mit allen singen wollte, ging nicht mehr.
Etwas mehr Leichtigkeit und Lachen kamen dann wieder, als die Seelsorgerin den Kleinen antrug, mit dem Glockenspiel die Taufe auszuläuten. Das Gebimmel war lustig da die Mädchen sich anfingen um das Glockenspiel zu prügeln und es in ein wahres Glockenkonzert ausartete, untermalt von Zickenalarm!
Ich hatte einige Glastropfen mitgebracht von denen sich jeder Gast einen mitnehmen durfte. Die Mädchen sahen sich berufen diese nun an alle zu verteilen. Ich habe meinen noch ins Taufwasser getaucht und er wird mich beim Autofahren begleiten und immer, wenn die Sonne darauf trifft, und er glitzert und bunte Lichter zaubert, werde ich an Yorik und diesen Tag denken.
Wir gingen dann wieder zurück in die Cafete, um noch einen Kaffee zu trinken und noch einen Moment zusammen zu sitzen. Dort überreichte ich dann Sylvia das Taufbuch mit vielen lieben Grüßen von euch. Sie hat sich sehr darüber gefreut, Zeit jetzt ausführlich zu lesen war aber nicht.
Zeit hatten wir nun auch nicht mehr und mussten uns nun schon recht bald auf den Rückweg machen.
Zeit, wie kostbar kann sie sein und wie leichtfertig vergeuden wir sie mit unwichtigen Dingen.
An solchen Tagen wird es mir wieder einmal bewusst, das Zeit etwas unermesslich Wertvolles ist.
Wir drei fuhren sichtlich erschöpft aber auch beseelt nach Hause, plauschend und auch lachend im Auto. Das Herz und die Seele voll und noch nicht verarbeitet, was ich jetzt hier beim Schreiben einen Tag später getan habe.
Liebe Grüße
Bettina, Meike und Caro
P.S. Ich, Meike, möchte noch ein bisschen über meine Eindrücke von der Taufe ergänzen. Ich war nicht so stark wir Bettina und musste währen der gesamten Zeremonie pausenlos kämpfen, um meinen Gefühlen nicht zu erliegen. Ich hatte ein paar schwache Momente, in denen ich den Raum verlassen musste, weil ich das Gefühl dieses vermeintlich doch auch frohen Anlasses einer Taufe mit meinen Tränen nicht zerstören wollte. Zum Glück hielt ich während der Zeremonie stand und konzentrierte mich auf die grenzenlose Liebe und das Licht, die neben der dennoch greifbaren Sorge und des Schmerzes, den Raum erfüllten. Ja, es ist wahr. Yorik hat eine unfassbare Ausstrahlung, seine Präsenz erhellt den Raum. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Dennoch, als ich am Ende der Zeremonie an das Bett herantrat, ihn berührte und seine Wärme spürte, überrollte mich eine Welle der Emotion, die ich dann einfach nicht mehr halten konnte. Sylvia umarmte mich, als wollte sie mich trösten, wofür ich mich in diesem Moment fast schämte. Im Nachhinein weiß ich, dass es nichts gibt, wofür ich mich schämen muss. Keiner kann sich dieser Tragödie emotional entziehen, der auch nur einen Funken Mitgefühl in sich trägt und davon habe ich nun mal reichlich. Ich bin ein Mensch mit Gefühlen, ich darf am Bett eines todkranken Säuglings neben einer unglaublich starken Mutter weinen, ohne mich schlecht zu fühlen. Wir ALLE stützen uns gegenseitig, wir geben, was wir können und nehmen, was wir brauchen. So soll es sein!
Ich empfinde es heute als ein Privileg, bei dieser Taufe dabei gewesen sein zu dürfen. Ich bin mit Bettina, Caro und Nikki gefahren, weil auch ich Sylvia zur Seite stehen und sie stützen wollte. Ich wusste, nach diesem Tag wird es nicht mehr nur theoretisch sein, dass ich da eine Freundin habe, die ein Kind hat, das… Ich wusste, ich werde von diesem Tag an anders um dieses Kind weinen, als ich es bisher schon oft getan habe. Aber seit diesem Tag, an dem ich Yorik kennen gelernt habe, weiß ich sicher, dass ich, wie wir ALLE, die das hier lesen, die miteinander hoffen und weinen, irgendwie zu Yoriks und Sylvias Seelenfamilie gehöre und verbunden bin und das gibt mir ein gutes, ja fast erhabenes Gefühl. Ihr, Yorik und Sylvia, seid so unglaublich tapfere, starke Seelen. Die seelische Belastung einer Mutter, die so viele Wochen um das eigene Kind bangen muss, in einer fremden, sterilen Umgebung, vollkommen fremdbestimmt, auch nachts getrennt von der Familie in einem Hotel, das nicht zu Hause ist, ist einfach unvorstellbar. Ich weiß, man steht es durch, wenn man muss, aber erstrecht, wo ich nun dort war, habe ich nichts als Bewunderung und Respekt für Sylvia und wie sie das durchsteht. Auch für die Menschen, die auf so einer Station tagtäglich arbeiten, kann ich mich nur demütig verbeugen.
Dieser Tag, dieses Erlebnis, haben bei mir tiefe Spuren hinterlassen und ich habe erst begonnen zu verarbeiten. Aber eines habe ich auf eindrucksvolle Weise erfahren und für immer aufgenommen:
Liebe ist die stärkste Energie, die es gibt und sie erfüllt und durchdringt alles und lässt alles andere daneben verblassen.
von Heviane am 05.02.2012 23:17h