Kidnapping im Schnäppchenmarkt

Schnäppchenjagd
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AutoreninfoSylvia Koppermann
aktualisiert: 28.01.2020Mehrfache Mutter
Medizin, Gesundheit und Erziehung
Ich liebe die Einkaufsbummel in der Adventszeit. Alles ist so hübsch dekoriert, es duftet nach Bratäpfeln, Maronen und Glühwein. In allen Kaufhäusern regen Weihnachtslieder mit Glöckchenklang dazu an, beschwingt wie Ginger Roger auf der Suche nach Fred Astaire, durch die Gänge zu schweben und lächelnd Geld zu investieren, in all das Nützliche oder einfach nur Dekorative, um sich hinterher die üblichen Vorwürfe zu machen, dass man wieder viel zu viel ausgegeben hat.

Ja, die Vorweihnachtszeit scheint einen eigenen, Drogen ähnlichen Rausch auf die ihr verfallenen Menschen auszuüben, von dem auch ich mich nicht freisprechen kann. Wenn da nicht...

Ganz harmlos fing es an, als meine Freundin vorfuhr, den Klingelknopf gleich komplett in den Rahmen hinein drückte und meinen Sohn, der ihr öffnete, über den Haufen rannte. Sie habe gerade ein Prospekt vom Schnäppchenmarkt gesehen. Was haben die gerade nicht alles an Weihnachtsartikeln im Angebot! Da müssten wir sofort hin.

Mein Mann, mittlerweile nicht nur angesteckt vom weihnachtlichen Dekorationswahn, sondern längst auf der Überholspur an mir vorbeigezogen, bekam glänzende Augen und sprang in ungewohnter Geschwindigkeit in Schuhe und Jacke.

Elly tat es ihrem Vater gleich und so war klar, dies würde kein Kinder freier, romantischer Einkaufsbummel werden.


In mir steckte die Hoffnung, dass Elly, geblendet von all den Lichtern, still im Einkaufswagen sitzen und staunen würde.

Ja, auch ich habe noch meine Träume!

Nur lassen die sich nicht mit dem Temperament einer Zweijährigen vereinbaren, die es gewohnt ist, sich gegen drei ältere Geschwister, eine größere Nichte, eine Babyschwester, unsere Deutsche Dogge und fünf Katzen durchzusetzen. Was sie will, das will sie und da hilft kein Betteln, Flehen oder Lamentieren.

Besonders schlimm trifft das immer ihren Vater.

Mein Wikinger wird zu Butter in den Händen seiner Töchter und Elly weiß diesen Aggregatzustand schneller herbeizuführen, als jeder andere.

Vor dem Schnäppchenmarkt stieg ich aus, atmete tief mit geschlossenen Augen, ein und legte innerlich den Hebel um, auf Weihnachtsstimmung. Gerade stellte ich mir die Szene einer romantisch verschneiten Landschaft vor, da schrillte die kreischende Stimme meiner Tochter das Tauwetter meiner Idylle ein.

Papa wagte den Versuch, das Ergebnis seiner ungebremsten Leidenschaft in die Kindersitzvorrichtung des Einkaufswagen zu setzen. Ohne so etwas je gesehen zu haben,glaubt man kaum, zu welch akrobatischen Einlagen Kinder fähig sein können, wenn sie etwas nicht wollen!

Jedenfalls stürmte ich auf meinen Kinderjongleur zu und griff ein.

Ich versuchte meinem Mann klar zu machen, dass er weder mit Bitten noch Erklärungen etwas erreichen würde, da er doch den Sturkopf unserer Tochter kennen müsse. Ablenken ist das einzige, was hilft, ablenken und das, was man von ihr möchte, am Rand mit einfließen zu lassen.

Also redete ich ruhig auf Elly ein, während mein Mann bereits am Ende seiner Kräfte schien, bevor wir das Geschäft überhaupt betreten hatten. "Wollen wir einkaufen?" ich sah Elly fest in die Augen. Jetzt keine Furcht zeigen, das riechen die kleinen Terrorbolzen. Begeistertes Nicken war die Antwort und ich sagte ihr, dass wir sofort anfangen, wenn sie im Einkaufswagen sitzt.

Nun musste auch ich einen Kompromiss eingehen, denn sie wollte nicht im Sitz Platz nehmen, sondern im tiefen Einkaufsraum stehen. Innerlich wieder gesammelt, versicherte mir mein Mann, nun alles im Griff zu haben und mir unauffällig mit der Kleinen zu folgen.
Wie eine Galionsfigur stand sie im Wagen und gab präzise Anweisung, wohin der Steuermann, alias Papa, das Schiff zu lenken habe.

Die erste Debatte folgte dann an der Tiefkühltruhe.

Elly hatte die Dinos aus panierter Hähnchenbrust entdeckt und meinte, sie müsse die unbedingt haben: für die Badewanne!

Nachdem Joe es schaffte, die Kleine von der Kühltruhe, auf der sie inzwischen halb lag und sie bestmöglich umklammerte, zu pflücken, schob er sie in einem Affenzahn weiter, der Elly eine windschnittige Frisur nach Art eines Bart Simpson bescherte, um an den Süßigkeiten vorbei zu kommen.

In ihrem früheren Leben muss sie Trickdiebin gewesen sein, denn trotz Armlängen Abstand zu den Regalen und geschätzten dreißig Stundenkilometern, mit denen Joe sie durch die Süßwarenabteilung manövrierte, saß das Kind, als er bei den Putzmitteln stoppte um kurz Luft zu holen, auf einem Berg Marzipankartoffeln, Printen und Ananasbomben, wie eine Glucke auf ihren Eiern.

Ich wollte eingreifen, ihm helfen, konnte ich mich sowieso nicht auf die Weihnachtsdeko konzentrieren, wenn ich wusste, mein Mann kämpft gegen den Zwergengoliath, doch er wehrte mich mit Händen und Füssen ab, alles im Griff zu haben und mir später nach draußen zu folgen, wo im Freigelände weitere Dekorationsartikel zu Schnäppchenpreisen angeboten wurden.

Seufzend und glücklich, einmal entspannt nur auf Waren, anstatt auf ein renitentes Kind zu schauen, schlich ich mich nach draußen. Dort steckte meine Freundin bereits in einem riesigen Korb Weihnachtskugel, wirr, angesichts der Vielfalt und hatte das Lächeln eines Junkies nach dem Schuss.

Das wollte ich auch!

Gerade nahm ich Anlauf, um mich in einen anderen Aufsteller zu stürzen, da vernahm ich, zuerst leise, dann immer lauter und eindringlicher eine Stimme, die mir vertrauter, als in dem Moment lieb war: "Hülfe!.... Hülfe!... Hülfe!... Hüüüüülfe!..."

Beim siebten oder achten "Hülfe", kam mein Mann um die Ecke gestürmt, die Hilfe schreiende Elly vor sich im Einkaufswagen stehend.

Er konnte gerade noch bremsen, bevor er mich in eines der Regale fuhr, stand, nach Luft ringend vor mir und schnaubte: "Da geh ich nicht mehr rein! Egal, was Du sagst oder tust, mich kriegt keiner mehr in den Laden!"

Meine Tochter stand immer noch im Wagen und kreischte nach Hilfe.

Was denn nun schon wieder los sei, wollte ich wissen.

Joe erklärte, dass Elly, etwa in Höhe des Tierfutters, beschlossen habe, getragen werden zu wollen. Einmal wollte Papa konsequent sein und blieb bei seinem "Nein", doch sein Prinzesschen meinte wohl, hier käme das Motto "Wer nicht hören will, muss fühlen!" besonders gut zum Einsatz und begann laut damit, um Hilfe zu rufen.

Nun ja, irgendwie fand ich den Ideenreichtum sogar etwas niedlich und ich versuchte meinen Mann zu beruhigen, dass ich das Stöbern aufs nächste Mal verschiebe und an seiner Seite bliebe.

"Trotzdem," keuchte er, immer noch atemlos "geh ich da nicht mehr rein! Die" dabei zeigte er fuchtelnd auf Elly "hat mit ihrem Geschrei um Hilfe den ganzen Laden gegen mich aufgebracht! Die denken alle, ich verschleppe hier Kinder!". Ich versuchte ihn zu beruhigen, er sähe das Ganze bestimmt zu eng, doch nun nahm seine Stimme einen panischen Unterton an.

Ich übertreibe? Glaubst Du wirklich, ICH übertreibe? Ach ja? Wenn Du meinst, ICH übertreibe, dann geh doch mal wieder rein in den Laden und grüße die vier rüstigen Rentner, die sich eben mit den einen Meter langen Salamis, aus dem Angebot für 6,49€ bewaffnet haben, um mir einen über zu braten, weil ich hier vermeidlich Kinder entführe!” In dem Moment wurde mir dann endgültig klar, dass ich an diesem Tag ganz sicher nicht mehr zum Stöbern kommen würde.

Resolut setzte ich die feixende Elly wieder ins Ladefach des Einkaufswagens, gab meiner Freundin ein Zeichen, griff nach der Hand meines Mannes, der sich die Mütze vorsichtshalber ganz tief ins Gesicht gezogen hatte und zog meinen Tross gen Kasse. Von der Kinderschutzwache sah ich nur noch einen einzigen Herren, der sich unauffällig im Gang postiert hatte und meinem Gatten tödliche Blicke zuwarf, während er die Salami, wie eine Baseballkeule in der Hand schwang.

Elly saß stolz im Wagen, hielt sich fest, als führe sie Schweizer Bobbahn, zwinkerte dem alten Herren zu und tönte "Salami!... Salami!... Salami!..."

Vor dem Geschäft kicherte die Kleine ihrem Vater zu: "Nä, Papa, einkaufen gehen?" dabei nickte sie wild und zeigte auf den Laden.

Mit finsterem Blick grummelte Joe nur: "Mit Dir? NIE wieder!", was bei unsere Tochter für einen Lachanfall sorgte.

Und für mich war klar, auch diese Jahr werde ich wohl meine Weihnachtsdekoration wieder in alter Gewohnheit zu nächtlicher Stunde aus dem Internet heraussuchen. Zwar nicht unbedingt zu gleichen Schnäppchenpreisen und schon gar nicht mit der selben Stimmung, dafür aber in aller Ruhe und mit Entspannung, ohne selbstbewusste, marodierende Kleinkinder, Angstschweiß versprühendem Ehemann und Salami schwingenden Kinderschutzbeauftragten!

[SyKo]

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