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Einkaufsmarathon für das Festmenü

Was kommt auf den festlichen Tisch?
Was kommt auf den festlichen Tisch?

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AutoreninfoSylvia Koppermann
aktualisiert: 26.02.2020Mehrfache Mutter u. Autorin
Medizin, Gesundheit und Erziehung
Der Countdown läuft: Nur noch 12 Tage bis Weihnachten. Es ist also an der Zeit, all die Fressalien für die Feiertage in regelrechten Kolonnen heran zu karren.

Es ist ja nicht so, dass sich die Mägen pünktlich zum Fest in sackartige Erweiterungen verwandeln, durch die man dann das Dreifache an Futter aufnehmen kann, um Reserven zu bunkern, die man für einen, direkt nach den Feiertagen eintretenden Winterschlaf, benötigt. Aber irgendwie muss die Evolution den Menschen einen Code eingepflanzt haben, der ihn zwingt, sich maßlos der Völlerei hinzugeben, um dann noch wochenlang unter übelstem Stöhnen all die Unmengen an Braten, Klößen und Süßigkeiten zu verdauen.

Auch wir sind da keine Ausnahme und reihen uns automatisch in die endlosen Schlangen, der Jäger und Sammler ein, die dann, mit den Einkaufswagen, durch die Supermärkte pirschen und sich an gefrorene Wildtiere schleichen. Und hat man sie endlich erfolgreich zur Strecke gebracht sowie im Wagen verstaut, ein Kriegsgeheul veranstalten: "Schaaaaaahaaatz, guck, ich hab sie! Wir haben einen Festbraten! Jahaaaaa, ICH habe die Pute, die entwischt uns nicht mehr!"

Dann kommt der Sammler durch. Wild rennt man durch die Gänge, sammelt Rotkohlgläser und Kloßteigpackungen ein, verstaut Eier im Wagen, so dass die Kassiererin mit skeptischen Blick die Frage äußert, ob man sich mit einer eigenen Hühnerfarm selbstständig machen will, und rutscht dann verdächtig tief liegend mit dem Auto nach Hause, um festzustellen, dass man zu wenig Kühlfach für zu viele Vorräte hat. Eine ganze Woche plante ich akribisch den ersten Marathoneinkauf.

Meine Mutter wurde samt dem Kombi für Samstag gebucht.

Mein Mann würde die Aufgabe des mutigen Abschleppers übernehmen und ich schrieb eine Rolle Tapete voll, was alles gebraucht wurde.

Mit akutem Schlafmangel, dank einer netten Gallenkolik, starteten wir schließlich durch: Ich auf dem Rücksitz zwischen meinen beiden Kleinsten, während meine beiden älteren Söhne zu Hause schon bereit waren, durch einen Stapel Klappboxen den Transport vom Auto, ins Haus zu übernehmen.

Auf dem Parkdeck des Supermarktes hieß es noch einmal tief durch zu atmen, zwei Einkaufswagen abzuwarten, die frisch von ermatteten Menschen, die grade ihre Einkaufsschlacht hinter sich gebracht hatten, zu ergattern, die Mädchen im Kindersitz zu verstauen und dann mutig, mit erhobenen Haupt, äußerlich dem Fels in der Brandung gleichenden Eindruck, den Markt zu betreten.

Wie jedes Jahr: Das Szenario eines Endzeit-Katastrophenfilms!

Hektische Frauen schimpften über all die anderen, die es wagen, ausgerechnet zeitgleich einkaufen zu wollen, Ehemänner dunkelrot, keuchend, die vollen Wagen hinter der Gattin her schiebend und auf der Zielgerade, zur Kasse, schnaubend sich selbst zu zu keuchen "Reiß Dich zusammen Gustav-Friedrich, das Ziel ist nahe, das schaffst Du noch! Noch 4m... noch 3m... ja, Gustav-Friedrich, gleich hast Du es!... noch 2m..."
Von Hektik lasse ich mich schnell anstecken und so war mir bereits ab der sechsten Regalreihe klar: Mich steuert kein Einkaufszettel, sondern pures Adrenalin. Gerade visierte ich die Tiefkühltruhen an, da trieb bereits eine ältere Dame ihren Mann, völlig die Straßenverkehrsordnung missachtend und Vorfahrt nehmend, scharf von links, auf uns zu, indem sie den Einkaufswagen schob, der sich ins Gesäß des Holden drückte und ihn, wie einen Schneeschieber, gegen alles einsetzte, was ihr im Weg stand. Mit einem Wumms, knallte der Ärmste gegen unseren Wagen und er hatte redliche Mühe, sich gerade noch abzufangen, bevor er kopfüber in unserem Stauraum landete. Ruby, die vorn im Wagen saß, freute sich, winkte den Mann, wie einen Fluglotsen hinein und schaute mich an, als wollte sie sagen "Pack ihn neben das gefrorene Gemüse, da ist noch Platz und er hält sich länger!"

Nachdem wir unseren unfreiwilligen Begleiter abgeschüttelt hatten, war schließlich auch der Weg frei, um die Pute zu erlegen, auf die wir es abgesehen hatten. Nur, waren keine Puten, in der benötigten Gewichtsklasse, mehr da. Lediglich die kleineren Geschwister lagen still und steif gefroren, in ihrem Kältebettchen. Das Adrenalin, das eben noch jägerische Kampfbereitschaft ausgerufen hatte, verwandelte sich nun in Panik.

Von den kleinen Piepmätzen, würde ich keine zehn Erwachsenen satt bekommen! Mein Mann sah das lockerer und meinte, dass wir dann eben zwei Puten in den Ofen schieben. Dafür waren sie nun aber wieder zu groß.

Also musste ein alternativer Plan ran: Ente!

Zwei Enten würden passen und zusammen genug Fleisch für alle abgeben. Während mein Mann noch Witze riss, ich sollte aber schauen, dass ich nicht versehentlich ein Pärchen raus suche, damit es nachher im Backofen nicht noch ein lauschiges Stelldichein gäbe und wir das Geflügel, zum Servieren dann, aus einer gar peinlichen Stellung befreien müssten, steckte ich schon kopfüber in der Kühltruhe. Die erste Ente lag bereits im Wagen und ich suchte gerade nach der zweiten, da stürzte sich ein äußerst aggressives Exemplar, wie eine Lawine, ihre Kameraden hinunter kullernd, auf mich zu und krachte auf meinen Daumen.

Mit einem Schrei, der für einen Sekundenbruchteil, den gesamten zweistöckigen Supermarkt, zum Schweigen brachte, zog ich meine Hand aus der Truhe und hüpfte wild umher, während mich Elly, aus dem anderen Einkaufswagen, singend anfeuerte, weiter zu tanzen.

Den angriffslustigen Vogel nahmen wir letztendlich nicht.

In der Obst- und Gemüseabteilung, folgte dann ein kleine Duell zwischen mir und einer genervten Verkäuferin, die mich daran hindern wollte, eine ganze Stiege Clementinen zu kaufen.

"Die gibt's nur lose!"

Ich fragte sie, was sie davon hat, wenn ich nun alle in Beutel packe und ihr dann die leere Stiege stehen lasse, woraufhin sie sich aufs Prinzip berief und ich mir dachte "Wenn sie das will, dann machen wir es eben so."
Ich glücklich, sie schimpfend, ich mit einigen Kilogramm Clementinen, die kullernd durch den Wagen tanzten, sie mit einer leeren Stiege schoben wir in verschiedene Richtungen davon. Ich strahlend, sie nuschelnd, wie sie es hasse, den ganzen Tag leere Kisten hinaus tragen zu müssen.

Im zweiten Stock suchte ich gerade nach einer Weihnachtskarte, Elly probierte zwischenzeitlich Mützen auf, die sie aussehen ließen, wie Calimero, startete Ruby einen Einkaufswagen-Direktverkauf.

Sie winkte sich eine Dame heran und wies sie auf unsere gefrorenen Enten hin, an denen die Frau reges Interesse zu zeigen schien. Es sah so aus, als verhandelten die beiden gerade den Preis und ich befürchtete schon, mich erneut in die Kühltruhe stürzen zu müssen, also griff ich ein und bat die Dame, den Vogel, den sie gerade in ihren Händen hielt, bitte vorsichtig zurück in unseren Wagen zu legen.

Ich muss wohl einen Blick gehabt haben wie Gary Cooper im Film 12 Uhr mittags, jedenfalls stotterte die Frau nur: "Schöner Vogel,... Süßes Kind...", ließ meine Ente in den Wagen fallen und verschwand in rasantem Tempo.

Mittlerweile war ich bereits an dem Punkt, wo ich mich nicht mal mehr auf meine Einkaufsliste konzentrieren konnte, nur noch meinen Mann, der sich gerade seelenruhig in der Bücherabteilung umsah, schnappte und im zu zischte, ich wolle sofort zur Kasse, egal, was nun noch fehlt, sonst passiere heute sicher noch ein Unglück.

An der Kasse dann das nächste Schauspiel. Ruby weigerte sich, der Verkäuferin die Mütze zum Scannen zu reichen, schob sich die Bommel zwischen die Zähne und knurrte die arme Frau an, wie ein Hofhund, während ich hektisch versuchte, alles aufs Band zu packen, mir dabei eine Tüte Zucker riss und die weißen Krümel sich, wie in einer Schneekugel, über das Band und umstehende Zahlungswütige verteilten.

Nach dem Bezahlen stand ich kurz hinter dem Kassenbereich, atmete tief durch, stolz, die erste Etappe bewältigt zu haben, klinkte einen Moment alle Geräusche aus und besah mir all die Menschen, in den Schlangen an der Kasse, wie in Zeitlupe an.

Frauen tippten, den Tränen nah, immer wieder auf Posten ihres Einkaufszettels, die sie nicht bekommen hatten... Männer hingen erschöpft auf Griffen der Einkaufswagen... Kinder wanden sich im Sitz, brüllten und versuchten, an die Süßigkeiten der Kassenregale zu kommen... Mütter starrten wirr und teilnahmslos vor sich hin, während die Väter seufzend verstohlene Blicke zu den Spirituosen warfen.

Auf dem Boden lagen Überreste, geplatzter Mehl- und Zuckertüten. Verkäuferinnen standen Scanncodes bereits im Gesicht. Und zwischen all dem klimperte es fröhlich aus den Lautsprechern "Lasst uns froh und munter sein...", als gelte dies einer psychologische Animation, die Kauflust der Menschen weiter anzutreiben.

Auf dem Weg zum Auto schimpfte ich vor mich hin, dass mir so etwas nie wieder passieren würde, ich notfalls im September schon den Braten kaufe und einfriere, die Leute so taten, als ob Hungersnöte bevorstehen und überhaupt, wäre es doch eine Überlegung, warum man sich das jedes Jahr erneut antut.

Mein Mann schmunzelte, nahm mich in den Arm und meinte nur: "Schatz, das liebe ich an Traditionen! Ich dachte schon, die Ansage kommt dieses Jahr überhaupt nicht mehr!" Nun musste auch ich lachen.

"Ach Mensch, Du weißt doch, dass ich, wenn es um Weihnachten geht, zum Spießer mutiere. Hast Du wirklich daran gezweifelt, dass ich dieses Jahr Einkaufshektik und Geschimpfe einfach weglasse? Hey, das gehört doch dazu! Am Montag gehen wir in die zweite Runde und dann geben wir es uns richtig. Da gehen wir nämlich nach dem Einkauf noch auf den Weihnachtsmarkt und lassen uns von all den Menschenmengen davon abhalten, auch nur eine Bude zu Gesicht zu bekommen!"

[SyKo]

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