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Der Lügendetektor

Töpfchen oder Toilette?
Töpfchen oder Toilette?
AutoreninfoSylvia Koppermann
aktualisiert: 26.02.2020Mehrfache Mutter u. Autorin
Medizin, Gesundheit und Erziehung
Ich hatte wohl schon öfter erwähnt, dass wir, was die Sauberkeitserziehung unserer Kinder betrifft, ihnen die Zeit lassen wollen, die sie für sich brauchen, um sich ganz bewusst von der Windel zu verabschieden.

Das heißt jedoch nicht, wir würden nicht auch immer wieder Töpfchen oder Sitzverkleinerer anbieten. Auch, wenn es so etwas länger dauert, bis unsere Kinder trocken sind, empfinden wir es, für die Kurzen, stressfreier.

Ob es das auch für uns ist, mögen sich die Meinungen teilen.

Joe jedenfalls, tendierte eine Zeit dazu, leicht hysterische Züge zu zeigen. Elly beständig beobachtend, sprang er sofort auf, preschte hektisch los, um das Töpfchen zu suchen – die berüchtigte, ständig dudelnde Schatzkiste – mit diesem, unterm Arm, inzwischen galoppierend, über Möbel und Spielsachen zu springen und keuchend, neben unserer Tochter auf die Knie gehend, die dann nur lapidar feststellte: „Nee, Elly wille ga nich aufe Tolette!“.

An ganz besonderen Tagen, machte sie ihren Papa glücklich, indem sie sich für den kurzen Moment eines angedeuteten Lächeln, samt Hose, aufs Töpfchen setzte und zumindest so tat, als verrichte sie ein Geschäft. Auch mit einem Sitzverkleinerer übten wir. Das machte Elly beim ersten Mal sogar noch Spaß.

Wohl gemerkt: Beim ersten Mal!


Danach fand sie es nicht mehr spannend und entrüstete sich schließlich, in zunehmend lauteren Schimpftiraden, bei hilflosen Lockrufen ihres Papas mit: „Pinnstu? Binne kleine Elly. Kannich ga nich aufe große Tolette gehn!“ Dann hatte Joe Urlaub und sein Taschenfloh verfolgte ihn den ganzen Tag, wie ein Schatten.

Ein auffällig stimmgewaltiger, dauernd quasselnder Schatten.

Nicht selten fragten wir uns, ob unserer Elly sich vom Morgengrauen wecken lässt oder eigentlich diejenige ist, die Frau Sonne wach sabbelt. Ausschlafen, gab es für uns jedenfalls nicht. Dafür hatten wir allerdings, ab dem späten Abend, wenn das Köpfchen unserer kleinen Tochter, müde in einen komatösen Wartungsmodus sank, wenigstens einige Minuten Stille, bei der wir verwundert feststellten, dass der Lautsprecher unseres Fernsehers gar nicht kaputt ist.

Wir hatten ihn nur, unter Ellys Quasseln, gar nicht gehört.

Papa also den ganzen Tag verfolgend, gab es für ihn kein Entkommen. Selbst auf dem Klo nicht. Und ausgerechnet da, wollte er doch gern auch mal etwas Privatsphäre haben.

Nicht mit Elly!

Ihm ihre ganze Lebensgeschichte wiederholt erzählend, schob sie sich einen Hocker vor den auf der Toilette sitzenden Vater und zwischendurch begann sie irgendwann sogar neugierige Fragen zu stellen, was denn daran so toll sei, auf das Klo zu gehen, wo sie doch Windeln ganz praktisch fände.

Ich liebe diese Grundsatzdiskussionen zwischen Kleinkindern und Vätern! Verlegen, da er sich ja unter Beobachtung nicht sonderlich wohl, auf dem stillen Örtchen fühlte, antwortete mein Mann, wenn man groß sei, ginge man lieber auf die Toilette. Viele Mütter werden mir Recht geben, dass ihre Partner Phänomene sind, die täglich fast mehr Zeit auf dem Keramikthron verbringen, als schlafend, im Bett. Somit ergaben sich unerschöpfliche Vater-Tochter-Gespräche und Joe grinste mich irgendwann triumphierend an, sein Opfer, keine Ruhe auf dem Schacht zu haben, könnte vielleicht doch Wirkung auf unsere Kleine zeigen. Ihr Interesse wüchse und er habe den Verdacht, es könne nun nicht mehr lange dauern, bis sie den Vater nachzuahmen versucht.

Eine Weile unterhielten wir uns, sahen eine Chance für die Sauberkeitserziehung, aber als mein Mann zu jammern begann, er bete heimlich sogar, Elly möge schnell trocken werden, da er nicht mehr wüsste, wie lange er noch aushielte, bis aufs Klo verfolgt zu werden, um jedes Geräusch wortgewandt erklären zu müssen, erinnerte ich ihn daran, dass er durchaus auch hin und wieder einfach Nein sagen könne, um allein zur Thronbesteigung zu schreiten.

Joe und konsequent!

Nun ja, das konnte er schon sein. Aber ganz sicher nicht in Bezug auf die Kinder. Einer meiner Lieblingssprüche an ihn ist: „Die wahrscheinlich sicherste Konsequenz an Dir, ist Deine Inkonsequenz den Kindern gegenüber!“

Und selbstverständlich stritt er das entrüstet ab. Er wäre doch nicht,... was ich von ihm dächte,.... Grinsend erinnerte ich ihn an ein Erlebnis, das wir wenige Tage zuvor hatten. An dem Abend lief eine Dokumentation im Fernsehen. Da Elly endlich eingeschlafen war, brauchten wir auch nicht versuchen, von den Lippen der Interviewten ab zu lesen, sondern konnten zuhören.

Eine Eigenschaft, die Elly ja auch exzessiv mit uns trainierte.

Mädchen im Teenageralter wurden gezeigt. Völlig außer Kontrolle, ihr Umfeld terrorisierend. Verzweifelte Eltern, die in die Kamera schluchzten und mein Mann schüttelte nur den Kopf. Furchtbar, diese Kinder. Und warum die Eltern sich denn nicht durchsetzten?

Sprachlos schaute ich Joe an.

Dann das Statement einer Psychologin. Ohne Grenzen, würden Kinder diese immer weiter austesten, verlören den Halt und überschritten, im Laufe der Jahre immer mehr die Umzäunungen eines Verhaltens, das für sie und das Umfeld entspannter sein könnte. Eben noch vor sich hin schimpfend, brach Joe mitten im Satz ab. Einsichtig kam er zur Erkenntnis, dass er selbst ja nun auch nicht wirklich Grenzen, in Form eines konsequenten Nein setzte.

Hilflos sah er mich an. Etwas verändern, wollte er schon. Doch wo?

„Wie wäre es, bei den Essgewohnheiten zu beginnen?“ schlug ich vor „Auch Du weißt, wie wichtig ein gesundes Frühstück ist. Auch wenn Elly noch so bettelt, musst Du da eben auch mal konsequent Nein zu Keksen und Schokoladenpudding sagen, wenn sie nicht mindestens auch Obst oder Gemüse frühstückt.“

Der nächste Tag, ein Tumult in der Küche, der immer lauter anschwoll.

Dröhnend, aber mit einer Stimme, die sich immer mehr der Kapitulation neigte, kämpfte mein Mann darum, seiner Tochter deutlich zu machen, es gäbe zuerst Brot, Joghurt und Obst, bevor die Verhandlungen über Kekse überhaupt zugelassen würden. Elly, wortgewandte Zweieinhalbjährige und gewohnt, dass der Vater nachgibt, bleibt sie hartnäckig, meckerte mindestens genauso laut zurück, sie äße dann eben gar nichts.

Nie wieder!

Dem folgte ein lauter Knall und Stille.

Gerade wollte ich nachsehen, ob und welche Opfer die Diskussionsschlacht gefordert hatte, stürmte Joe auf mich zu.

„Das ist alles nur Deine Schuld!“ kreischte er, mit dunkelrotem Kopf und wild mit dem Zeigefinger wedelnd „DU hast gesagt, ich soll konsequent bleiben! Und was habe ich nun davon? Die hat sich, als ich hartnäckig blieb, einfach rücklings auf den Küchenboden fallen lassen, liegt jetzt da, mit ausgestreckten Armen, als sollte ich sie ans Kreuz nageln, starrt an die Decke und spricht kein Wort mehr mit mir. Toll, Deine Tipps! Und was mache ich nun?“

Ich musste lachen, riet ihm jedoch, Elly liegen zu lassen. Seine Augen weiteten sich. Wie er sie einfach da liegen lassen könnte, ob das nicht in ihr das Gefühl verstärken würde, er nähme sie nicht ernst.

„Schatz,“ beruhigend sprach ich auf ihn ein „sie ist gerade bockig und weiß leider auch schon ziemlich gut, wie sie Dich herum kriegt. In der Hinsicht hast Du sie gut dressiert. Kriegt sie ihren Willen nicht, zickt sie und Du springst. Wer von Euch beiden hat größere Angst, nicht geliebt zu werden, Du oder sie?“

Während Joe nachdachte, näherten sich tippelnde Schritte, eine kleine Hand schob sich um das Bein meins Mannes, gefolgt von Elly, die grinsend an ihrem Papa empor schaute und fragte: „Lassu mir ma durch? Un rufssu, wenne meiner Brot fetich is?“ Damit marschierte sie ins Kinderzimmer und ließ einen perplexen Vater, neben einer grinsenden Mutter stehen.

Könnte man nun glauben, an dem Tag habe mein Mann eine gewisse Konsequenz gelernt, läge man falsch.

Gut, beim Frühstück gab es keine Debatten mehr. Aber die gleichen Muster auch in anderen Bereichen des Alltags anzuwenden, gelang ihm nicht recht. Also begann er sich eher an seinen Escort-Service auf dem Klo zu gewöhnen. Und diesmal schien seine Hoffnung sich zu erfüllen, denn Elly übte sich im Nachahmen. Eines Tages stand sie, beim Spielen, einfach auf, stellte sich vor das Töpfchen, ließ die Hose herunter fummelte die Windel auf, die im hohen Bogen davon flog und hielt ihre Hände vor den Schritt, als hätte sie dort schwer an bei ihr nicht vorhandenen, anatomischen Gegebenheiten zu schleppen. Mit einem eindringlichen „Pullerpullerpullerpuller“, untermalte sie den gespielten Toilettengang und ich kniff, mit gespitzten Lippen, die Augen zusammen, um dann leise zu meinem Mann, ins Nebenzimmer zu gehen.

„Sag mal, Schatz,“ begann ich unverfänglich das Gespräch „gab es in diesem Haus nicht die Vereinbarung, dass niemand mehr im Stehen pinkelt, andernfalls die Toilette und den Boden putzt?“

Unschuldig grinste er mich an, um mir zu bestätigen, er würde sich auch selbstverständlich an die Vereinbarung halten. „Nun,“ sprach ich ruhig weiter und starrte ihm direkt in die Augen „Du hattest zumindest Recht, dass Elly sich irgendwann von Dir abguckt, auf Toilette zu gehen. Nur, Dein kleiner Lügendetektor steht gerade breitbeinig vor dem Töpfchen und zeigt ziemlich deutlich, wie der Papa pinkelt!“

Mit hochrotem Kopf, erstarrter Miene und sichtlich verlegen, erhob Joe sich, schlich an mir vorbei, Richtung Treppe und als ich hinter ihm her rief, wo er nun hin wolle, antwortete er nur noch kleinlaut: „Bin mal eben das Bad putzen.“

[SyKo]

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