Eine deutsche Hebamme in Ghana

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Hebamme Sonja Liggett-Igelmund mit ihren Kolleginnen aus Ghana
Hebamme Sonja Liggett-Igelmund mit ihren Kolleginnen aus Ghana
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AutoreninfoSylvia Koppermann
aktualisiert: 14.02.2014Mehrfache Mutter
Medizin, Gesundheit und Erziehung
Im Jahr 2011 reiste die Kölner Hebamme Sonja Liggett-Igelmund mit einem Kamerateam des WDR nach Ghana, um dort für die Fernsehreihe "WDR weltweit", in der Entbindungsstation der Stadt Have für 10 Tage Teil des dortigen Hebammenteams zu sein. Es sollte eine Erfahrung werden, die ihr den Vergleich mit den Bedingungen, unter denen Frauen in Deutschland und Ghana entbinden, näher bringen sollte.

Empfangen wurde Sonja in Have von Patience, der leitenden Hebamme der Entbindungsstation und ihren Kolleginnen, die sie sehr herzlich aufnahmen.

Lies dazu auch unser: Interview mit Sonja Liggett-Igelmund.

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Ein typischer Kreissaal in Ghana
Ein typischer Kreissaal in Ghana
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AutoreninfoSylvia Koppermann
aktualisiert: 14.02.2014Mehrfache Mutter
Medizin, Gesundheit und Erziehung

Die großen Unterschiede

Bereits am ersten Tag lernt Sonja die für sie so ungewohnten Bedingungen kennen, unter denen Frauen in Have entbinden. Have liegt im Südosten Ghanas, unweit der Afrikanischen Westküste, des Golfs von Guinea. Eine Entbindungsstation ist für Frauen in Afrika keine Selbstverständlichkeit. Meist entbinden werdende Mütter zu Hause, im Kreis von Angehörigen oder Nachbarinnen. In der Regel nehmen sie die weiten Wege zur Entbindungsstation nur auf sich, wenn sie Probleme oder Komplikationen bei der Geburt befürchten. In Ermangelung von öffentlichen Verkehrsmitteln, gehen sie dann entweder zu Fuß oder fahren per Anhalter.

Auch die Entbindungsstation selbst, unterscheidet sich weitgehend von denen, die wir nach unseren Standards kennen. Unter den tropischen Temperaturen verzichtet man in Have tagsüber möglichst auf geschlossene Türen, um ein Überhitzen der so schon drückend warmen Räume zu vermeiden.

Der einfach eingerichtete, winzige Kreißsaal, wirkt anfangs ungewohnt auf Sonja. Spartanisch eingerichtet, würde man ihn, verglichen mit dem Equipment deutscher Kreißsäle, bezeichnen. Eine einfach Liege, kleine Tische mit wenigen Instrumenten und nur sehr begrenzt Platz, um sich freier bewegen zu können.

Moderne Untersuchungsgeräte sucht man hier vergeblich. Selbst die kindlichen Herztöne horcht man hier noch mit einem Pinard-Rohr ab, wie es bei uns bis vor wenigen Jahrzehnten noch regelmäßig verwendet wurde und Ultraschalluntersuchungen sind überhaupt nicht möglich.

Auch die Einhaltung von Hygiene erweist sich als weitaus zeitintensiver und umständlicher, als Sonja es aus Deutschland gewohnt ist. Instrumente werden von den Hebammen über einem Gaskocher ausgekocht, da es an einem Sterilisationsgerät fehlt.

Eine leitende Hebamme, voller Herzblut

Patience Tordzro, die leitende Hebamme, alleinerziehende Mutter von vier Kindern, zwei leiblichen Töchtern, von denen die Älteste, Jenni, gehörlos ist und die Zweitälteste, Jemima Trisomie 21 hat, sowie zwei Adoptivsöhnen, ist die Seele der Entbindungsstation in Have. Mit ihren Kolleginnen Annie und Joyce, übt sie ihren Beruf praktisch rund um die Uhr aus, lebt auf dem Gelände der Entbindungsstation und meistert ihre Arbeit ganz ohne Unterstützung eines Arztes. Sie ist Mutter und Hebamme aus Berufung, kennt praktisch keinen Feierabend und steckt dennoch voller Pläne, um die Entbindungsstation und angrenzende Schule, mit einer Klinik zu erweitern, in der auch die Behandlungen von Kindern und Erwachsenen möglich sind. (Lesetipp: Allgemeines zur Entbindung in der Klink kannst du in unserem Artikel Entbindung in der Klinik nachlesen.)

Immer freundlich und herzlich, widmet sie sich den Menschen um sich herum, strahlt Vertrauen und Gelassenheit aus und wird so zum Herz der Station. Auch Sonja ist beeindruckt von der Kraft Patiences und ihrem Können als Hebamme, das nicht nur großes Fachwissen, sondern auch Selbstvertrauen beinhaltet. Dennoch ist Patience bescheiden und betont immer wieder, dass sie und ihre Kolleginnen nur ihr Bestes geben, jedoch keine Ärzte sind. Hier in Have müssen die Hebammen sich auf ihre Kenntnisse verlassen. Stoßen sie dabei an ihre Grenzen, verlegen sie die Kreißenden in die nächste Klinik, etwa eine halbe Autostunde entfernt.

Doch auch die Verlegungen gestalten sich schwierig. Ohne Krankenwagen, sind die Hebammen von Have darauf angewiesen, die Patientinnen meist per Anhalter, mit einem Wagen, den sie an der Hauptstraße stoppen, mitfahren zu lassen. Je nach Verkehrslage, und wie schnell ein Fahrer sich bereit erklärt, die Frau mitzunehmen, kann dabei kostbare Zeit für Mutter und Kind verloren gehen.

10 Tage Hebamme in Ghana

Nach 10 Tagen als Hebamme in Ghana reist Sonja Liggett-Igelmund voller neuer Eindrücke zurück. Der Abschied von Patience und ihren Kolleginnen fällt ihr schwer. Tränenreich verabschieden sich die Frauen und für Sonja steht fest, dass sie mit ihrer Rückreise erst am Anfang eines Weges steht, der eigentlich nur als kurzes Hineinschnuppern in das Wirkungsfeld ihrer Kolleginnen in Ghana gedacht war.

Die Hebamme aus Köln ist beeindruckt und doch nachdenklich. So sehr sie die Arbeit von Patience schätzt, erkennt sie auch den Bedarf an wichtigen Hilfsmitteln, die ihren neu gewonnenen Freundinnen helfen könnten, ihre Arbeit in der Geburtshilfe zu erleichtern.

In Deutschland startet sie, unterstützt durch viele Kolleginnen, Helfer und auch dem Team vom WDR, mit der Autorin der Dokumentation, Marika Liebsch einen Spendenaufruf. Ziel ist es, die Geburtsstation in Have, aber auch die Schule, bestmöglich zu unterstützen. Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend. Freunde, Familie, Kollegen und ganze Schulklassen, stellen sich spontan an Sonjas Seite, um das Gelingen der Sammlungen und Spendenübergaben zu unterstützen.

Firmen, medizinische Einrichtungen, Privatleute und viele Andere, schicken Sonja Sachspenden zu. Auch das Logistikunternehmen Damco erklärt sich bereit, einen Container zur Verfügung zu stellen und diesen nach Ghana verschiffen zu lassen, damit die Spenden dort von Sonja und ihrer Familie direkt vor Ort überreicht werden können. Durch diese großzügige Unterstützung der Firma Damco, ist es somit also möglich, im ganz großen Stil Spenden zu sammeln und zu überbringen.

Alle Helfer kennen den Film von Marika Liebsch, der vom WDR auch nach Ausstrahlung weiterhin über die Mediathek einsehbar ist. Somit trägt der Sender selbst auch einen wichtigen Teil bei, das neue Projekt bekannt zu machen und potentiellen Spendern sehr ausführlich zu zeigen, worum es geht und welche Ziele mit den Sammlungen erreicht werden sollen.

Auch negative und vorsichtige Stimmen sind zu hören

Aber es gibt auch Skeptiker. Hilfsorganisationen warnen Sonja, dass es nicht leicht, eventuell sogar unmöglich wird, die Spenden tatsächlich auch dort hin zu bringen, wohin sie gedacht sind. Doch Sonja und ihre Helfer lassen sich nicht abschrecken. Aufgeben kommt für sie nicht in Frage.

Zudem stößt Sonja nicht selten auf Misstrauen. Sie weiß, dass die Menschen vorsichtig sind. Wer spendet, möchte auch sicher gehen können, dass die Spende dort ankommt, wohin sie gedacht ist. Die Hebamme kann absolut nachvollziehen, dass mögliche Spender einen Nachweis fordern, an dem sie die Seriosität des Projekts erkennen können.

Hierbei hilft nicht nur wieder die jederzeit in der Mediathek des WDR anzusehende Dokumentation, sondern auch der von Sonja und ihren Helfern eingerichteter Blog http://meeting-bismarck.blogspot.de/, in dem nicht nur viele Bilder und Erlebnisse geschildert werden, die in der Dokumentation aus Zeitgründen keinen Platz mehr fanden, sondern auch jede Sachspende die eingeht fotografiert und mit einer Danksagung an die namentlich genannten Spender gezeigt wird.

Spenden für Have

Bereits mit dem ersten Container voller Sachspenden, müssen Sonja und ihre Helfer die Erfahrung machen, dass die Bürokratie in Ghana es ihnen nicht unbedingt erleichtert, Hilfsgüter nach Have zu bringen. Endlose Telefonate, warten auf die richtigen Dokumente, die den Container frei geben, verzögern die Übernahme und Weiterleitung des Containers. Doch nach einigen Tagen Verzögerungen, ist es geschafft. Mit einem LKW bringt Sonjas Mann die Spenden zur Entbindungsstation, wo zahlreiche Helfer beim Entpacken mit anfassen.

Die Menschen von Have sind begeistert, von den Spenden. Vor allem die Kinder der Schule freuen sich über Schulbücher, Ranzen und Schreibmaterialien.

Patience ist überwältigt. Sie kann nicht fassen, was Sonja alles bringt. Unter Anderem auch ein Ultraschallgerät, sowie einen Sterilisator für die Instrumente.

Aber es wird nicht die letzte Lieferung sein. Bis Ende 2013 bringen Sonja und ihre Helfer einen weiteren Container nach Have. Und damit auch einen eigenen Krankenwagen für die Entbindungsstation, der es den Hebammen ermöglicht, ihre Patientinnen im Notfall direkt in die nächste Klinik zu bringen.

Das Projekt "Meeting Bismarck - Geburts- und Kinderhilfe in Ghana e.V" ist geboren. Dieser Name steht für das Hilfsprojekt, mit dem Sonja und ihre Helfer auch weiterhin Geld- und Sachspenden sammeln, um den Menschen in Have Unterstützung zu geben, die medizinische und geburtshilfliche Versorgung zu optimieren und auch etwas für die Zukunft und Bildung der Kinder zu tun.

Über diesen Link gelangt Ihr zur Dokumentation von Sonja Liggett-Igelmunds Reise, ermöglicht und erstellt durch den WDR: Dokumentation mit Sonja Liggett-Igelmund

Das Magazin von mamiweb.de möchte sich an dieser Stelle herzlichst bei Sonja Liggett-Igelmund dafür bedanken, diesen durch sie autorisierten Artikel mit einer kurzen Zusammenfassung über die Entstehungsgeschichte zu ihrem Hilfsprojekt "Meeting Bismarck", veröffentlichen zu dürfen. Zudem bitten wir auch unsere Leser, weiteren Artikeln zu diesem Thema, insbesondere dem Projekt "Meeting Bismarck" Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Foto wurde mit freundlicher Genehmigung von Sonja Liggett-Igelmund zur Verfügung gestellt.

[SyKo]

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