Interview mit Sonja Liggett-Igelmund

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Sonja Liggett-Igelmund in Ghana
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Sonja Liggett-Igelmund in Ghana

Die Kölner Hebamme Sonja Liggett-Igelmund, hätte im Jahr 2011 wohl kaum gedacht, dass ihre Reise nach Ghana, bei der sie in Begleitung des WDR für eine Dokumentation zu "WDR weltweit" für 10 Tage in einer ghanaischen Entbindungsstation arbeiten wollte, ihr zukünftiges Leben dermaßen verändern würde, dass daraus ein großartiges Hilfsprojekt erwächst.

Über Sonja Liggett-Igelmund

Sonja Liggett-Igelmund ist die Initiatorin des Projekts "Meeting Bismarck– Gododo Ghana - Geburts- und Kinderhilfe in Ghana e.V."

Sie reiste 2011 mit einem Team des WDR nach Ghana, um dort für 10 Tage als Hebamme ihren Beruf einmal an einem anderen Ort der Welt auszuüben. Für die Kölnerin zeigte sich das Arbeitsumfeld alles andere, als sie gewohnt war. Die verschiedenen Eindrücke prägten sie nachhaltig und bei ihrer Abreise stand für Sonja Liggett-Igelmund fest, dass sie ihre Kolleginnen in Have zukünftig unterstützen wollte, die medizinische und geburtshilfliche Situation vor Ort zu optimieren.

Entstanden ist daraus das Projekt "Meeting Bismarck – Gododo Ghana – Geburts- und Kinderhilfe in Ghana e.V.".

mamiweb.de hat mit Sonja Liggett-Igelmund ein Interview geführt, zu ihren Eindrücken in Have und warum sie das Projekt "Meeting Bismarck – Gododo Ghana – Geburts- und Kinderhilfe in Ghana e.V." ins Leben rief.

Das Interview

Mamiweb: Was hat Dich damals bewogen, Dich für die Dokumentation "WDR weltweit" zu bewerben und für 10 Tage an einem anderen Ort der Welt Deinen Beruf auszuüben?

Es ist, glaube ich, für jede Hebamme interessant, mal in einem ganz anderen Umfeld zu arbeiten. In der Regel sind solche Auslandsaufenthalte teuer und dauern mehrere Wochen oder Monate.

Mit dem WDR waren es 10 Tage in Afrika, das konnte ich mit meiner halben Stelle als angestellte Hebamme und mit meiner Familie unter einen Hut bringen.

Das daraus ein so großes Projekt entstehen würde, das habe ich beim besten Willen nicht gedacht!

Witziger Weise hatte ich ein halbes Jahr vorher beim Eurovision Songcontest in Düsseldorf ein paar Erfahrungen vor der Kamera gesammelt und wusste dass es mir nicht schwer fallen würde frei vor der Kamera zu sprechen.

Ohne dieses Wissen hätte ich mich nicht beworben! Mehr Kontrast in einem Jahr ist übrigens absolut undenkbar! Von der größten Showblase Europas auf den Boden der Tatsachen in Afrika!

Mamiweb: Wie waren Deine ersten Eindrücke, als Du nach Deiner Ankunft in Have und der herzlichen Begrüßung durch Patience, Annie und Joyce, die Entbindungsstation kennen gelernt hast?

Mein erster Eindruck war geprägt von dem Erleben einen Lebens ohne hohen Lebensstandart.

Wer sich zur Geburt keine Bettwäsche mitbringt, hat auch keine. Wer keine Verwandten zur Geburt mitbringt, hat keinen, der Essen holen geht oder die Wäsche wäscht.

Basic, alles war sehr basic. Aber irgendwie auch gut. Näher am Leben wie es wirklich ist.

Mamiweb: Hattest Du während der ersten Reise nach Ghana jemals das Gefühl, als Hebamme dort an Deine Grenzen zu stoßen, da technische Hilfsmittel bei den Untersuchungen fehlten?

Man war zurückgeworfen auf seine Hände und Ohren. Hier in Deutschland muss man alle Untersuchungen durch technische Geräte Beweisen und dokumentieren. Man ist ständig in der Beweispflicht, dass es Mutter und Kind gut geht. Weil man im Fall der Fälle haftbar gemacht wird. Durch die lückenlose Dokumentation und die vielen Tests kommt der Kontakt zur Schwangeren schnell zu kurz. In Ghana taste ich den Bauch ab und weiß, wie das Baby liegt. Ich höre die Herztöne mit dem Pinard und weiß, ob es dem Kind gut geht. In Ghana ist den Menschen bewusst, dass das Leben ein Geschenk ist, in Deutschland ist eine Schwangerschaft eine Garantie auf ein gesundes Baby und wenn nicht steht die Hebamme einem Richter gegenüber. Krankenkassen kommen nicht für kranke Kinder auf, es muss ja jemand Schuld daran sein, dass das Kind vielleicht einer Therapie bedarf. Das Leben ist hier kein Geschenk mehr, es ist die Garantie der Hebamme. Deshalb stehen wir Hebammen in Deutschland kurz vor dem aus. Wir versichern die Geburt mit unserer Haftpflicht. Unser Beruf ist zum Hobby geworden, Geld wird woanders verdient.

Deshalb war die Erfahrung in Ghana für mich so wertvoll, man verlässt sich auf seine Hände, man vertraut der Hebammen und hofft gemeinsam auf einen glücklichen Ausgang der Geburt. Back to the roots.

Nicht desto trotz muss man für Notfälle gerüstet sein. Keine Kreißende sollte wehend an der Straße stehen, wenn es Komplikationen gibt und auf eine Mitfahrgelegenheit warten müssen.

Nabelscheren müssen gut sterilisiert werden können, es müssen Infusionen verfügbar sein und die Frauen die nichts haben müssen auch nicht auf einer Plastikplane gebären.

Die Hebammen, die ich kennen gelernt habe waren gut ausgebildet. Trotzdem lohnt es sich die Hebammenschulen mit Lehrmaterial zu unterstützen. Je besser das Frühwarnsystem ist, desto sicherer wird die Geburt für die Frau. In den ganz entlegenen Dörfern gibt es keine Hebammen. Hierzu gibt es ein Trainingsprogramm für sogenannten traditionelle Hebammen. Auch diese leisten gute Arbeit, je besser sie ausgebildet sind.

Mamiweb: Patience und ihre Kolleginnen haben in Have nie anders gearbeitet, als mit den wenigen Hilfsmitteln, die ihnen zur Verfügung standen. Hat sie das, Deiner Meinung nach, stärker sensibilisiert, sich mehr auf ihr Gefühl verlassen zu können, als es Hebammen in Deutschland oft tun müssen, da ihnen auch mehr technische Diagnosemittel zur Verfügung stehen?

Patience und Annie scannen die Frauen, sie wissen genau welche Frau bei ihnen im kleinen Geburtshaus entbinden können und welche ein Risiko sind. Das kann man nur so gut, wenn man weiß wie lebenswichtig diese Entscheidung ist. Auch in Deutschland haben Hebammen ein Gefühl für eine Geburt, aber es muss oft hinter der Technik und Standards zurückstehen.

Der Satz "Ich hatte das Gefühl…", interessiert die Krankenkasse nicht.

Mamiweb: Welcher war der stärkste Eindruck, den Du von Deiner ersten Reise nach Ghana mitgenommen hast?

Wir wissen alle, dass wir hier im Überfluss leben. Wir wissen auch, dass das nicht glücklich macht. Zu sehen dass Menschen ohne diesen Überfluss zufrieden sind ist eine sehr wertvolle Erfahrung.

Selbst auf die gewohnte Dusche zu verzichten, sich mit dem Eimer zu duschen, zurückzukommen, aus Ghana und sich über das fließende warme Wasser aus dem Duschkopf zu wundern und zu denken "Es stimmt was nicht!", das ist es schon wert, die Reise in eine Welt ohne Konsum und Selbstverständlichkeit zu wagen. Man darf nur nie vergessen, wie schnell man dort in Not gerät, wenn man krank ist und mit Not meine ich wirkliche Not! Deshalb sollte die positive Erfahrung des Lebens ohne Konsum, nicht den Blick auf die gefährliche Welt mit mangelhafter medizinischer Versorgung verklären.

Mamiweb: Hat und wenn ja, inwiefern, die Arbeit als Hebamme in Ghana, Einfluss auf Dich und Deine Arbeit in Deutschland genommen?

Meine Arbeit in Deutschland hat sich nicht verändert, ich kann ja nicht ständig sagen: denken sie Mal wie die Frauen in Afrika entbinden.

Der Satz wäre genau so beliebt wie der Satz unserer Mütter : Iss Deinen Teller leer, die Kinder in Afrika haben nix zu Essen. Wir bekommen unsere Kinder hier, wie wir es in unserem Kulturkreis gewohnt sind. Was davon woanders auf der Welt nicht selbstverständlich ist, behalte ich für mich.

Mamiweb: Schon mit den ersten beiden Spendencontainern konntet Ihr eine Vielzahl Hilfsmittel in verschiedenen Bereichen bringen. Dazu zählt auch die Sicherung der Stromversorgung, Wasserspeicher, Solarlampen, Schulsachen, medizinische und geburtshilfliche Mittel. Gibt es weitere Pläne oder Wünsche für größere Projekte, die Ihr mit Spenden unterstützen möchtet?

Es gibt in Have wirklich sehr viele Schulkinder. Es wäre mein Wunsch das jedes Kind ein eigenes Buch besitzt um besser Lesen zu lernen. Eine gute Bildung ist in Ghana genau so wichtig wie überall sonst auf der Welt. Viele Eltern haben kein Geld um den Kindern eine Schuluniform zu kaufen. Also sitzen die Kinder in löchriger Kleidung in der Schule. Jeder weiß, dass man dann nicht so motiviert ist, regelmäßig zur Schule zu gehen. Wir möchten möglichst vielen Kindern einen unbeschwerten Schulbesuch ermöglichen und weiterhin Schuluniformen sponsern können.

Für die Krankenstation wünsche ich mir einen Arzt! Ob es jemals einen ghanaischen Arzt geben wird, der dort arbeitet ist fraglich. Aber deutsche Ärzte könnten dort "Urlaub" machen. Diesen Austausch könnte man organisieren und der ist auch ausdrücklich von den Dorfbewohnern erwünscht. Man kann noch sehr viel mit einfachen Mitteln bewegen und zu sehen welche Freude es in Ghana bringt rechtfertigt alle Mühen!

Mamiweb möchte sich recht herzlich bei Sonja Liggett-Igelmund für das Interview bedanken und wünscht dem Projekt "Meeting Bismarck – Geburts- und Kinderhilfe in Ghana e.V." weiterhin viel Erfolg.


Das Foto wurde mit freundlicher Genehmigung von Sonja Liggett-Igelmund zur Verfügung gestellt.

[SyKo]

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