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Die Amme, ein Berufsstand in der Geschichte

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Amme mit Baby
Amme mit Baby
AutoreninfoSylvia Koppermann
aktualisiert: 25.07.2021Mehrfache Mutter u. Autorin
Medizin, Gesundheit und Erziehung

Die Amme: Ein Berufsstand der im 20. Jahrhundert ausstarb

Jahrhunderte und Jahrtausende lang waren Ammen oft die einzige Überlebenschance für Babys. Aus Überlieferungen und Geschichten kennen wir alle den Begriff Amme und verbinden damit eine Frau, die an Stelle der leiblichen Mutter ein Kind stillt und nährt. Oft wurden Frauen zu Ammen, die das eigene Kind verloren hatten.

Heute ist die Amme als eigener Berufsstand längst Teil der Vergangenheit, denn kann oder will eine Mutter ihr Kind nicht selbst stillen, bekommt das Baby Ersatznahrung aus der Flasche. Diese Ersatzmilch gibt es allerdings erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts, so dass allein in Europa bis in die 1930er Jahre Ammen einen festen Berufszweig darstellten. So ist beispielsweise belegt, dass die letzte Lohnamme in der Schweiz erst in den 1950er Jahren in den Ruhestand ging.

Oberflächlich betrachtet mag der Beruf Amme mit einem Hauch Romantik verbunden sein. Doch betrachtet man die historische Entwicklung, stellt man schnell fest, dass Romantik damit absolut nichts zu tun hatte. Im Gegenteil, so manch dunkles Geheimnis verbirgt sich im Schicksal der Frauen, deren Milch nicht nur Kinder Anderer nährte, sondern auch für sie selbst zum Broterwerb wurde.

Der Begriff "Amme"

Der Begriff Amme stammt eigentlich vom Wort stillen ab, das in skandinavischen Ländern auch amme, amma oder amning heißt. Bereits aus der Antike sind Ammen überliefert. Damals bildeten sie noch keinen eigenen Berufsstand, sondern waren Ernährende von Kindern, deren Mütter selbst nicht stillen konnten oder verstorben waren. 

Vor allem dem Einfluss der Kirche verdankt der Beruf Amme seinen Ursprung. Denn zwar galt der Busen einer Frau als Nährquelle des Kindes, doch war Geschlechtsverkehr für eine Stillende allgemein verpönt. Eine stillende Frau hätte sich damit also ihrem Ehemann verweigern müssen, bis ihr Baby alt genug war, feste Nahrung zu sich zu nehmen.

Sexuelle Verweigerung - eine Sünde

Nach Ansicht der Kirche war die sexuelle Verweigerung der Ehefrau eine große Sünde, die unter anderem auch den Ehebruch des Mannes provozierte. Zudem hatte die Frau möglichst viele Kinder zu gebären. Eine Frau, die sich verweigerte, nahm dem Mann aber das Recht auf Nachkommen und daher beschäftigte eine Familie, die es sich leisten konnte, ein Amme. So konnte sich die Ehefrau ihren Pflichten gegenüber dem Mann widmen.

Sozial-Emotionale Distanz zwischen Eltern und Kindern

Zunehmend entwickelten sich jedoch noch andere Trends, die als besonders vornehm galten, und ebenfalls auf die Notwendigkeit von Lohnammen Einfluss hatten. Ab dem 17. Jahrhundert bis Anfang des 20. Jahrhundert galt eine sozial-emotionale Distanz zwischen Eltern und Kinder als besonders vornehm. Disziplinierter Abstand und respektvolle Höflichkeit zu den Eltern waren ein Zeichen für Feudalität. Während eine innigere Mutter-Kind-Beziehung eher zwischen Amme und Kind heranwuchs, blieb die leibliche Mutter möglichst distanziert gegenüber den eigenen Kindern. Diese hatten in der Mutter lediglich eine erhabene Autorität zu sehen.

Eine innige Bindung zum eigenen Kind galt als "nicht chiq"

Wie intensiv diese Wand zwischen Mutter und Kind war, zeigte sich sehr deutlich im Paris des 18. Jahrhunderts. Überwiegend wurden Neugeborene für ein bis zwei Jahre zu Bauersfrauen im Umland gebracht, die die Kinder stillten. Dazu wurden regelmäßig Wagentransporte organisiert, die dutzende von wenige Tage alten Babys einsammelten und aufs Land brachten, wo sie unter den zur Verfügung stehenden Bäuerinnen verteilt wurden. Die leiblichen Eltern besuchten die Kinder nur selten, meist gar nicht. Es war nicht "chic", eine innige Bindung zum eigenen Kind zu haben. Es bestand lediglich Kontakt zwischen Eltern und Amme, die dafür zu sorgen hatte, dass das Kind in der Lebensphase mit der höchsten Kindersterblichkeit, mit dem Nötigsten versorgt wurde.

Statistik

Eine für uns heute wohl erschreckende Zahl stammt aus dem Jahr 1780. Von 21.000 in Paris geborenen Kindern, die registriert wurden, kamen 17.000 zu Ammen aufs Land. Etwa 2.000 bis 3.000 Kinder wurden als Findel- oder Waisenkinder in Heimen abgegeben. Bei nicht einmal 1.000 Kindern leisteten sich die Eltern eine eigene Hausamme und nur bei einer ganz kleinen Gruppe von Kindern ist davon auszugehen, dass sie von ihren Müttern versorgt wurden. Dies war aber meist armutsbedingt gegeben.
Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Entwicklung boomte der Berufsstand der Amme regelrecht. War früher eine Amme zu dieser geworden, weil sie genug Milch hatte, um neben den eigenen Kindern auch andere Säuglinge zu nähren, gab es bald nicht mehr genug zur Verfügung stehende Ammen für alle Babys.

So gibt es Überlieferungen, dass es an manchen Orten sogar regelrechte Ammenzuchten gegeben haben soll. Dabei sorgten Väter für eine Schwangerschaft ihrer Töchter, um diese nach der Geburt des Kindes als Amme vermitteln zu können und der Familie ein Zusatzeinkommen zu sichern. Die Kinder dieser Töchter landeten, sofern sie überhaupt überlebten, meist in Armen- oder Waisenhäusern.

Viele Ammen waren verheiratet und hatten ihre eigene Familie. Man brachte die Babys entweder zu ihnen nach Hause oder die Ammen kamen zu geregelten Zeiten zum Kind.

Ammen ohne familiären Anhang

Nur Ammen ohne familiären Anhang wurden gelegentlich ganz in den Hausstand wohlhabender Familien aufgenommen. Dies war eine besonders glückliche Fügung für die zumeist aus sehr armen Verhältnissen stammenden Ammen. Denn eine Amme, die fest zum Personal eines Haushalts gehörte, stand im Ansehen über anderen Bediensteten und wurde gut und reichhaltig versorgt.

So wurde die gute Qualität der Milch gewährleistet.

Meist war die Tätigkeit auch als Hausamme zeitlich begrenzt und endete, wenn abzusehen war, dass es in nächster Zeit kein Kind in der Familie geben würde. Auch wenn eine Amme sicher kaum Arbeitslosigkeit befürchten musste, kam es schon häufig vor, dass Tage und Wochen zwischen der Beendigung einer Anstellung und einem neuen Dienstantritt lagen. Um in dieser Zeit nicht Gefahr zu laufen, die eigene Milchproduktion zu verlieren, musste die Amme die Milchdrüsen weiter regelmäßig zur Produktion anregen.

Es gibt Überlieferungen, dass manchmal ältere Kinder gegen Bezahlung die Milch absaugten, vereinzelt soll es auch Ammen gegeben haben, die Hundewelpen vorübergehend stillten.

Markt für Ammen

Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein regelrechter Markt für Ammen. So wurden beispielsweise Ammen aus bestimmten Regionen bevorzugt. Während im südlichen Deutschland vor allem Ammen aus Böhmen erwünscht waren, schmückten ab Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin Ammen aus dem Spreewald das Stadtbild.

Dies rührte daher, dass die Kinder von Kaiser Wilhelm II von einer Spreewälder Amme genährt worden waren und es daher als besonders vornehm galt, die eigenen Kinder ebenfalls von einer Amme aus dieser Region versorgen zu lassen. Mit Stolz trugen die Ammen ihre regionalen Trachten und genossen großes Ansehen.

Ältere Frauen bevorzugt

Allgemein wurden Ammen mit mehr Erfahrung, also auch ältere Frauen, bei der Anstellung bevorzugt. Je mehr Kinder sie gesund über die Stillzeit begleitet hatten, desto höher war ihre Referenz. Jedoch musste eine Amme immer auch versuchen, für ihre Zukunft vorzusorgen, wenn sie nicht mehr stillen konnte. Ammen mit eigener Familie und eigener Versorgung waren daher im Alter meist besser abgesichert. Alleinstehende hingegen hatten nur selten das Glück, in einer Familie, deren Kinder sie gestillt hatte, bleiben zu können. Konnte sie nicht genügend Geld zusammen sparen, um sich eine kleine Existenz aufzubauen, von der es sich spärlich leben ließ, blieb ihnen - vor allem im Mittelalter - meist nur das Armenhaus.

Ammen waren Bestandteil des täglichen Überlebens

Im Verlauf der Geschichte verdankten unzählige Kinder Ammen ihr Überleben. Die Ammen waren ein wichtiger Bestandteil des täglichen Überlebens, sei es aus Not heraus oder durch auferlegte gesellschaftliche Normen. Ammen waren ebenso wichtig wie Hebammen und Ärzte. Und doch wurden sie in der Geschichtsschreibung kaum erwähnt, wie selbstverständlich behandelt, so dass heute zumeist nur wenig über Ammen bekannt ist.

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