Fehlgeburt ohne Aussschabung

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Fehlgeburt - auch der Körper kann es schaffen!
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Fehlgeburt - auch der Körper kann es schaffen!

Täglich hören wir die traurigen Erzählungen von Frauen, die ihre Kinder schon früh in der Schwangerschaft zu den Sternen gehen lassen mussten. So viel Trauer und Verständnislosigkeit, manchmal auch Wut, das Schicksal nicht beeinflusst haben zu können und immer wieder Schilderungen, in denen den Frauen, direkt nach der Diagnose, ihr Baby lebe nicht mehr, die Verantwortung abgenommen wurde, indem man sie umgehend zur Ausschabung überwies.

Man klärte auf, dass das „sein müsse“ und vermittelte den Frauen nicht selten das Gefühl, indem man ihnen alle weiteren Wege und Entscheidungen abnahm, dass sie nicht in der Lage sind, mit dieser Situation fertig werden können, wenn sie niemand dort hindurch führt. Das wollte ich nicht. Als feststand, dass mein Kind nicht mehr lebt, forderte ich zumindest Optionen und soweit Selbstbestimmung, wie mein Körper fähig wäre, seinen Weg zu gehen. Dies ist mein Erfahrungsbericht einer Fehlgeburt, bei der ich mein Recht einforderte, meinen Körper soweit allein gehen zu lassen, wie er in der Lage sein würde.

Der eigene Körper als Feind

Als ich fast 10 Monate nach dem Verlust meines jüngsten Kindes wieder schwanger wurde, schien für uns ein Wunder zu geschehen. Ich hatte so viel Vertrauen in meinen Körper verloren, weil ich ihm nicht verzieh, wie er zugelassen hatte, dass mein Sohn so schwer krank auf die Welt kam, dass seine Geburt auch sein Todesurteil war. Durch moderne Medizin, versuchten die Ärzte, das Leben meines kleinen Sohnes zu retten, aber der schwere Herzfehler und damit verbundenen weitere organische Probleme, ließen die lebensnotwendigen Operationen nicht zu. Dachte ich, bis zur Geburt meines Sohnes noch, dass der sicherste Ort für ihn mein Bauch sei, verhakte sich danach ein Gefühl in mein Unterbewusstsein, das mir einredete, mein Körper hätte diesen kleinen Jungen bereits in meinem Bauch erlösen können, um ihm einen langen Weg zu ersparen, auf dem er sein Leben dann doch verlor. Vielleicht suchte ich einfach nur den Schuldigen. Bei einem solch schmerzhaften Verlust, braucht man einfach jemanden, dem man die Schuld geben kann. Das macht es, zumindest für den Moment einfacher, mit der Trauer umzugehen, selbst wenn man weiß, dass das Zuschieben von Schuld irrational und unsinnig ist.

So hatte ich in den Monaten völlig das Vertrauen in meinen Körper verloren und betrachtete ihn wie einen Feind, wie den Mörder meines Kindes, selbst wenn mein Verstand wusste, dass dieses Denken absolut falsch war. Ich war so damit beschäftigt, diesen Körper, der meinen Sohn nicht vor dem Leidensweg beschützt hatte zu hassen, dass ich nicht einmal mehr an die vielen Momente dachte, in denen mein Sohn mich angelächelt hatte und wie oft ich sagte „Wenn jemand lächelt, dann leidet er nicht“.
Es war wie ein Zwang, positive Gedanken und Selbstvertrauen nicht mehr zuzulassen, wenn es um meinen Körper ging. Er hatte, in meinen Augen versagt, also entsagte ich ihm jedes Recht, von mir respektiert zu werden.

So empfand ich die neue Schwangerschaft zwar als Wunder, stand jedoch innerlich auch regelrecht in Lauerstellung, denn ich ging bereits von Anfang an davon aus, dass mein Körper, wenn überhaupt, nur unter meiner strengsten Beobachtung fähig wäre, ein gesundes Kind auszutragen. In diesen Gefühlen dachte ich tatsächlich, dass ich jedem Fremden mehr vertrauen kann, als meinem eigenen Körper. Als sich dann herausstellte, dass das Kind, auf das wir uns so freuten, nicht mehr lebte, hatte ich zwei Optionen: mich dem Hass auf meinen Körper weiter hinzugeben oder zu erkennen und lernen. Ich entschied mich für die letztere Option und bin froh, diesen Weg gegangen zu sein.

Auch ohne den vorherigen Verlust eines Kindes und den Hass auf den eigenen Körper, erleben viele Frauen tagtäglich und weltweit, was auch ich erleben musste. Viele gehen einen Weg der Fremdbestimmung, weil er ihnen Sicherheit vermittelt. Ich suchte diese Sicherheit in den Optionen, die ich habe und auch wenn ich nicht einen so großen Schritt auf meinem Weg hätte allein gehen können, wäre er selbstbestimmt geblieben, denn ich allein hätte entschieden, wann ich glaube, meinem Körper helfen lassen zu müssen. Dieser Weg, ließ mich zu meinem Körper zurück finden und wieder vertrauen lernen.


Mein Tagebuch

Eintrag 1: Heute habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht, der schwach, aber immerhin deutlich positiv war. Mein Eisprung hatte sich verschoben, wie er es eigentlich immer gemacht hat, nur hatte ich das Wissen darum völlig verdrängt. Vor gut einer Woche, zeigte mir der Ovulationstest an, dass mein Eisprung bevorsteht und nahm mir zumindest die Angst, inzwischen vielleicht gar keinen Eisprung mehr zu haben. Nun sind wir also wieder schwanger! Ich hoffe, dass alles gut geht und ich meine Ängste, dass das Schicksal einen ähnlichen Weg mit uns geht, wie bei unserem Sohn, der uns verlassen musste, unter Kontrolle bekomme. Zumindest möchte ich versuchen, sofern die Schwangerschaft gesund verläuft, Untersuchungen auf das nötige Mindestmaß zu reduzieren, um nicht wieder das Gefühl zu haben, dass mein Körper allein nicht mehr mit einer Schwangerschaft fertig wird. Ich bin mir bewusst, dass das Gefühl in mir, die härteste Bewährungsprobe für meine Kinder sei die Zeit der Entwicklung in meinem Bauch zu überleben, irrational ist, aber noch komme ich dagegen nicht an.

Eintrag 2: Da ich weiß, wann ich einen Eisprung hatte, kann ich recht genau bestimmen, wie weit die Schwangerschaft ist. Mittlerweile bin ich in der 7. SSW. Am 22. Tag nach der Befruchtung, fängt das Herz des Kindes an zu schlagen und ich lag an dem Tag neben meinem Mann im Bett, streichelte meinen Bauch und sprach mit meinem Mann, wie es mich irritiert, dass ich mich frage, ob das Herzchen bereits schlägt oder ob etwas nicht in Ordnung ist. Jetzt, ein paar Tage später, habe ich immer öfter und intensiver Phasen, in denen sich das Gefühl breit macht „das wird nichts“. Eine böse Stimme flüstert mir immer wieder ein, dass es dem Kind nicht gut geht, dass ich diese Schwangerschaft nicht gesund austragen werde und ich verstehe nicht, ob mein Körper mir eine Warnung damit schickt oder die Ängste, wieder ein Kind verlieren zu können, diese Gefühle nähren.

Eintrag 3: Seit gestern bin ich in der 8. SSW. Mittlerweile ist es 3 Tage her, dass das Gefühl, mit der Schwangerschaft stimmt etwas nicht, so stark wurde, dass ich zwischendurch gefühlsmäßig regelrecht in ein Loch fiel. Heute habe ich dann Schmierblutungen bekommen. Sehr verhalten, mit ausschließlich altem, bräunlichen Blut und nur beim Abwischen, aber ich bin dennoch besorgt. Gepaart mit den Gefühlen der letzten Tage, macht sich langsam immer mehr die Hoffnungslosigkeit breit. Ich hatte mir vorgenommen, erst ab der 12. SSW zum Frauenarzt zu gehen, weil ich zunächst das kritische 1. Trimester abgeschlossen haben will. Sollte das Schmieren jedoch anhalten, werde ich vielleicht auch früher zum Arzt gehen. Ich bin mir bewusst, dass der Frauenarzt mir kaum helfen können würde, wenn mit dem Kind etwas nicht in Ordnung wäre. Das erwarte ich auch gar nicht von ihm. Ich sehe ihn eigentlich nur als denjenigen, der die Möglichkeiten hat nachzusehen, ob alles in Ordnung ist und wenn nicht, was vielleicht nicht richtig stimmt. Noch warte ich jedoch, denn es kann genauso gut sein, dass das Schmieren einfach nur von einem sich auflösenden Hämatom stammt, das vielleicht noch aus der Einnistung zurückgeblieben ist. Dann gäbe es für mich kaum einen Grund zur Beunruhigung.

Eintrag 4: Die 9. SSW ist erreicht und das Schmieren bleibt. Zuerst war es in etwa alle zwei Tage etwas mehr, dann wieder weniger, aber es blieb beim bräunlichen, also alten Blut, wodurch ich mir nicht zwangsläufig mehr Sorgen machte. Seit gestern kommt jedoch helleres, rotes Blut hinzu und das Gefühl, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt, krallt sich in mir fest, wie eine traurige Gewissheit. Ich spüre, dass es nicht einfach nur eine theoretische Angst ist, sondern eher ein Wissen aus dem Bauch heraus. Dieses Gefühl will ich nicht haben! Ich hoffe noch immer, mich zu irren, aber nachdem ich nun mittlerweile 10 Tage Schmierblutungen habe, die eher schlimmer, statt weniger werden, möchte ich nun doch, dass der Frauenarzt einen Blick auf die Schwangerschaft wirft. Ich brauche jetzt Gewissheit! Sagt der Arzt mir, dass mit dem Kind alles in Ordnung ist, dann ist es gut. Er soll dann die Ursache des Schmierens herausfinden, damit wir ggf. etwas dagegen tun können. Stimmt mit der Schwangerschaft etwas nicht, dann kann ich aufhören zu klammern. Die letzte Option gefällt mir nicht, aber das Achterbahnfahren aus Angst und Hoffnung, wird mir langsam zu viel. Wie kann ich entspannt schwanger sein, wenn ich nicht einmal weiß, welchen Weg mein Körper gerade geht?

Eintrag 5: Gestern, gleich nach meinem letzten Eintrag, waren mein Mann und ich beim Frauenarzt. Er nahm sich Zeit und erklärte viel. Sowohl Dinge, die sich nach Hoffnungen anhörten, als auch solche, die ich nicht hören wollte, weil sie Traurigkeit und Verlust mit sich bringen würden. Dann folgte die Untersuchung und ich sah bereits, bevor der Arzt etwas sagen musste, dass mein Kind zu klein ist und das Herz nicht schlägt. Es hat in etwa der 6. SSW aufgehört zu wachsen und ob das kleine Herz überhaupt jemals angefangen hat zu schlagen, wird niemand mehr beantworten können. Umgehend folgte der Hinweis, dass ich in die Klinik gehen und mich ausschaben lassen sollte. Ich weiß nicht mehr genau, was es war, aber wahrscheinlich auch ein bisschen Sturheit, denn in dem Moment war es, als ginge ein Ruck durch mich hindurch. Eben gerade, bekam ich die Diagnose, die ich erst einmal verdauen muss und nun sitzt dieser Mann vor mir und erklärt mir, dass ich ab hier jegliche Verantwortung für mich, meinen Körper und die Schwangerschaft abgeben soll an Menschen, die ich nicht kenne, die mir durch einen operativen Eingriff helfen, das zu beenden, was beendet werden muss?
Nein, das ging mir zu schnell!Ich habe die vergangenen 5-6 Wochen damit verbracht, schwanger zu sein. Das kann man doch nicht einfach so „abschneiden“, indem man mir sagt „Wir legen sie jetzt schlafen und beenden diesen Zustand, der nicht mehr zu retten ist“. Wo ist da die Zeit des Verarbeitens, des sich Verabschiedens, des Begreifens? Ich höre mich entschieden „Nein!“ sagen und danach zu fragen, warum mein Körper diese Schwangerschaft nicht selbst beenden sollte. Es folgt eine Aufklärung, die mich einerseits fast gerührt sein lässt, weil der Arzt meinen Mann und mich anschaut, als fühle er mit uns und kann meinen Wunsch verstehen. Andererseits kneife ich innerlich verbissen die Augen zusammen und beginne die Zähne zu fletschen, denn diese mitfühlende Art, mir zu erklären, dass mein Körper „das nicht kann und schafft“, wirkt auf mich fast wie ein „Du bist so naiv und dumm.... Lass Dir von mir erklären, was Du kannst und machen sollst, denn Du hast sowieso keine Ahnung“. Von unvorstellbaren Blutungen ist die Rede, der Möglichkeit, zu verbluten,... der Wahrscheinlichkeit, dass sich nicht alles ablöst und abblutet, was eine Entzündung und Blutvergiftung mit sich brächte,... der Verkapselung der abgestorbenen Frucht, die in meine Gebärmutterwand einwachsen könnte und somit jede Chance auf eine weitere Schwangerschaft nähme, da sich keine Eizelle mehr in das verkapselte Gewebe einnisten könnte,...
Ich sitze da und frage mich die ganze Zeit, wie Frauen in 190.900 Jahren, die es die Gattung „Homo“ auf Erden gibt, mit verhaltenen Aborten fertig wurden, wo doch erst die moderne Medizin der maximal letzten 100 Jahre es vermag, Frauen zu retten, indem man ihnen manuell hilft, eine Fehlgeburt abzustoßen, ohne zu sterben oder unfruchtbar zu werden.
Während der Arzt spricht, rauschen Zahlen durch meinen Kopf. Etwa 50% aller befruchteten Eizellen, sterben während oder in den ersten Wochen nach der Einnistung ab. Würden all die Frauen, die sich dann nicht ausschaben lassen, zwangsläufig verbluten, an einer Sepsis sterben oder unfruchtbar werden, wie erklärt sich dann die Überbevölkerung auf unserem Planeten? Mir ist egal, wie vernünftig sich die Argumente des Arztes anhören. Ich WILL selbst bestimmen, welchen Weg wir gehen. Mein Körper hat dieses Kind nicht weiter wachsen lassen. Wahrscheinlich, weil es Fehlentwicklungen gab und es nie wirklich lebensfähig gewesen wäre. Genauso sendete mir mein Körper, mit dem Schmieren, Zeichen. Er hat also funktioniert und gehandelt. Warum sollte ich ihm nicht die Chance geben, diesen Weg weiter zu gehen, es selbst „zu Ende“ zu bringen? Nein, ich wollte es zumindest versuchen, was ich dem Arzt auch deutlich sagte. Mein Körper sollte seinen Weg gehen dürfen und erst, wenn dieser zu steil wird, ihn allein zu gehen, würde ich eine Ausschabung in Betracht ziehen und die Ausschabung erwähnen. Als eine Art Ass im Ärmel, einen Trumpf, den ich immer noch ziehen kann, wenn nichts mehr geht. Aber dann als selbstbestimmt und von mir entschieden, nicht weil jemand für mich entscheidet.

Wir sind zu Hause. Den Kindern, die gleich auf uns zu stürmen und fragen, ob alles mit dem Baby in Ordnung ist, erklären wir, dass, wenn ein Baby im Bauch der Mama ist, erst eine kleine Seele einziehen muss. Sie tut das langsam und mit bedacht, schaut sich den Körper erst einmal genau an, bevor sie sich entscheidet zu bleiben und erst, wenn sie glaubt, dass der Körper geeignet ist, bleibt sie. Der Körper, den wir zur Verfügung stellten, passte keiner kleinen Seele und so zog niemand ein. Das Herz begann nicht zu schlagen und das bedeutet nun, dass der Körper, den wir einem Baby geben wollten, ausziehen muss.
Die nächsten Stunden verbrachten wir mit begreifen lernen und dem Beginn, sich zu verabschieden. Ich erkannte zum ersten Mal wieder, dass mein Körper funktionierte und auch wenn ich ihm nie verzieh, meinen kleinen Sohn nicht genügend geschützt zu haben, wurde mir nun klar, dass ich meinem Körper deswegen nicht alle Fähigkeiten absprechen konnte. Zum ersten Mal begann ich innerlich, meinem Körper die Hand zu geben, Frieden mit ihm zu schließen und willig zu sein, mit ihm gemeinsam den Weg weiter zu gehen. Ich dachte an die Geburt meines Sohnes damals. Der Kaiserschnitt in Vollnarkose, zu erwachen, während mein Kind auf Intensivstation lag und dass wir, durch die medizinische Versorgung, die er benötigte, um am Leben zu sein, nie Zeit hatten, als Mutter und Kind anzukommen, uns ganz allein kennen zu lernen und zu beschnuppern. Mir wurde bewusst, dass ich die Schwangerschaft mit meinem Sohn nie abgeschlossen hatte und ich fragte mich, wie ich in eine neue Schwangerschaft gehen konnte, ohne das nötige Vertrauen in meinen Körper und mit dem Gefühl, in meiner Seele immer noch schwanger mit meinem Kind zu sein, das mich vor 10 Monaten bereits verlassen musste. Als mir diese Gedanken durch den Kopf schossen, erwachte umso mehr mein Kampfwille für den selbstbestimmten Weg, einen natürlichen Abgang zumindest zu versuchen. Ich sah nicht den Verlust des Kindes im Vordergrund, sondern die Chance, auf Heilung meiner Seele, indem ich wieder Vertrauen in meinen Körper entwickeln könnte und endlich gebären dürfte, um eine Schwangerschaft, die vor 15 Monaten endete, auch in meinen Gefühlen abzuschließen.

Eintrag 6: Ich habe lange und intensive Gespräche mit meiner Hebamme geführt. Sie erklärte mir, auf welche Zeichen ich achten sollte, wann Blutungen gefährlich werden können, dass ich beobachten soll, ob ich Fieber bekomme und sogar, was ich am Geruch meines Ausflusses erkennen könnte. Sie nahm mir einen Teil der Angst und gab mir weiteres Selbstvertrauen, fähig zu sein, die Zeichen zu erkennen, die mein Körper mir senden würde, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Wir besprachen, dass ich mich nicht an den strengen Zeitplan halten würde, den der Arzt mir gesetzt hatte, bis „er nicht länger ein Abwarten verantworten könnte und mich überweisen würde, damit ich ausgeschabt werde“. Ich wusste mittlerweile, dass es durchaus 2-4 Wochen dauern kann, bis mein Körper die abgestorbene Frucht durch Blutungen abstößt. Ebenso kannte ich die Möglichkeit, dass mein Körper die Frucht abbaut und resorbiert, um dann wieder in einen Zyklus zu kommen und dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn dies sogar 6-8 Wochen dauern kann. Solange die Fruchtblase intakt war, schien es sehr unwahrscheinlich, dass eine Entzündung, ausgelöst durch die abgestorbene Frucht, eine Sepsis auslösen könnte. Mit all dem Wissen, ging ich bestärkt daran, in mich zu horchen, mich zu verabschieden und meinem Körper zu danken, dass er mir die deutlichen Zeichen gesetzt hatte.

Eintrag 7: Vor zwei Tagen, haben wir die Diagnose bekommen. Mein Mann stand an meiner Seite, wie der Fels in der Brandung. Er vertraute meinem Körper, mir und sagte bereits beim Verlassen der Arztpraxis, dass er hinter meinem Entschluss stehe. „Mag sein, dass Du Dir selbst momentan noch nicht wieder recht vertraust, aber ich tue es. Und deshalb stehe ich zu Deinem Entschluss, egal, in welche Richtung er Dich führt. Du allein bestimmst, wenn es Zeit wäre, in die Klinik zu fahren und ich werde bei Dir sein und mit Dir darum kämpfen, dass niemand Dir das Recht nimmt, selbst zu bestimmen, was Du willst und was nicht“. Ich überlegte, wie viele Männer ängstlich waren, aus einer Hilflosigkeit ihre Frauen drängten, den Anweisungen des Arztes blind zu folgen und war in dem Moment unendlich stolz auf meinen Mann. Ohne ihn, hätte ich diese Kraft und das Selbstvertrauen kaum wiederfinden können.
Am Nachmittag beschloss ich, dass ich bereit bin loszulassen. Es war, als spräche eine Stimme in meinem Unterbewusstsein zu mir und leitet ich. Ein sehr merkwürdiges Gefühl, denn es bezog sich nur noch darauf, auf den eigenen Bauch zu hören. Aber ich wollte mich dem öffnen und schauen, wohin es mich trägt.
So legte ich mir eine Wärmflasche auf den Bauch und merkte bald, dass die Hitze einen leichten Bauchschmerz förderte. Etwas in mir sagte, dass dieser Schmerz richtig und wichtig sei. Zunehmend wurden die Schmerzen stärker und irgendwann erkannte ich sie fast erstaunt als Wehen. Es war unangenehm, aber nicht so heftig, dass ich glaubte, es nicht aushalten zu können. Schmerzmittel wolle ich nicht nehmen, um den Schmerz besser beobachten zu können. Ich wusste, verändert er sich und fühlt sich nicht mehr „richtig“ an, könnte das auf Komplikationen hinweisen, die die Notwendigkeit der Ausschabung ergaben. Gegen Abend, kamen die Wehen in recht kurzen Abständen und das Schmieren wurde zu einer leichten Blutung. Jetzt, so wusste ich, war die Zeit des Abschieds gekommen. Alles war vorbereitet. Genug Binden lagen griffbereit, ich hatte mir ein Eisenpräparat gekauft, dass ich einnahm, um meinem Körper zu helfen, mit den Blutungen besser zurecht zu kommen und genug zu Trinken, stand parat. Für alle Fälle lag immer ein dickes Handtuch unter meine Po und irgendwann konnte ich scherzhaft sogar sagen „Ich glaube, ich komme nun endlich zu der Hausgeburt, die ich immer hatte haben wollen. Zwar nicht mit dem glücklichen Ausgang, ein gesundes Kind in den Armen zu halten, aber immerhin mit dem Erleben, dass ich auch allein und ohne Medizin gebären kann“. Um meine Kräfte zu schonen und einzuteilen, legte ich mich am späten Abend etwas hin. Ich wusste nicht, was genau auf mich zukommen würde. Nur, dass die Wehen wahrscheinlich stärker werden würden und ich mit sehr starken Blutungen, während des Abgangs, zu rechnen hatte. Dafür wollte ich meine Kräfte schonen.

Eintrag 8: Es ist der dritte Tag nach Diagnosestellung und mein Körper hat ein Wunder vollbracht. In all der Traurigkeit, jetzt kein gesundes Kind austragen und gebären zu können, habe ich in der letzten Nacht dennoch geboren. Für die Einen, eine abgestorbene Frucht, einen verhaltenen Abort, für die Anderen ein Kind, das nicht leben konnte. Für mich habe ich mein Vertrauen in meinen Körper wiedergeboren und konnte mit einer Schwangerschaft abschließen. Nicht mit dieser Schwangerschaft, sondern der, die mich von meinem Sohn entband, der mich nach nur kurzer Zeit seines Lebens, wieder verlassen musste. Ich spüre all die Endorphine, die man nach einer Geburt in sich trägt, die einem das Gefühl geben, gerade ein Mammut mit bloßen Händen erlegt zu haben und so den Stamm vor dem Hungertod bewahrt zu haben und ich weine vor Erleichterung, mich wiedergefunden zu haben.

Es war kurz nach 02:00 Uhr, in der Nacht, als ich erwachte. Als ob mich eine Stimme geweckt hätte, um mich zu fragen „Wollen wir es jetzt abschließen?“ Auf Toilette bemerkte ich, dass die Blutungen sich verstärkten und auch Gewebe abging. Noch einmal tief durchatmen und dann mit einem „OK, gehen wir es an“ in sich horchen, Wehen durch Atmung erträglich zu machen und immer wieder zur Toilette zu gehen, nachzusehen, Binden zu wechseln und in mich hinein zu fragen „Ist noch alles in Ordnung bei Dir? Geht es noch?“. Da ich immer eine sehr starke Menstruation habe, empfand ich das viele Blut nicht erschreckend. Ich wusste, dass es mehr bluten würde, war vorbereitet und konnte daher ruhig bleiben. Innerhalb von zweieinhalb Stunden, blutete ich recht stark, verlor viel Gewebe in ungewohnter Größenordnung und begleitete mich selbst auf eine Art, als sei ich meine eigene Hebamme. Dann folgten vier oder fünf stärkere Wehen und mit einem Mal rutschte etwas größeres aus mir heraus. Später, als meine Hebamme es begutachtet hatte, wusste ich, dass sich ein großer Teil meiner Gebärmutterschleimhaut in einem Stück gelöst hatte. Allerdings war ich in dem Moment, als es passierte, fast erschrocken, denn so etwas Großes, hatte ich noch nie verloren. Es hätte bequem einen Kuchenteller ausfüllen können und im ersten Moment dachte ich tatsächlich, ich hätte meine gesamte Gebärmutter verloren. Erst einige Minuten später setzten rationale Gedanken ein, die mir versicherten, es könnte nicht meine Gebärmutter sein, denn sonst hätte ich, unter allergrößten Schmerzen und noch stärkeren Blutungen, auch Eileiter, Mutterbänder und alles, was mit der Gebärmutter verbunden war, verlieren müssen. So konnte ich bereits kurz danach über die unsinnige Angst lachen, was mir umso leichter fiel, weil mit dem Abgang des großen Stücks, schlagartig die Wehen aufhörten, langsam ausklangen und sich augenblicklich auch die Blutungen reduzierten.

Stolz wusste ich, ich hatte es geschafft! Mein Körper und ich, hatten gerade geleistet, was uns der Arzt an Fähigkeiten absprechen wollte. Ich hatte geboren, war einen Weg gegangen, der mich besser verarbeiten und abschließen ließ und das völlig selbstbestimmt. Natürlich blieb eine kleine Traurigkeit über den Verlust eines ersehnten Kindes, aber in mir war das Gefühl stärker, als je zuvor, dass ich wieder wusste, mein Körper funktioniert und meine Seele ist nun auch bereit, eine neuen Schwangerschaft zuzulassen. Meine Hebamme begutachtete das, was abgegangen war und konnte mir bestätigen, dass alles dafür sprach, dass mein Körper einen gesunden Weg gegangen ist. Wir wussten, dass wir noch einige Tage beobachten mussten, um ausschließen zu können, dass Reste in der Gebärmutter verblieben sind, die weitere Blutungen verursachen oder eine Infektion hervorrufen, aber auch da bereiteten wir uns keinen Stress. 10 Tage, vielleicht auch weniger, durfte es durchaus bluten, um dann abzuschwächen. Und selbst wenn sich in dieser Zeit herausstellen sollte, dass Reste verblieben waren oder eine Entzündung eine Ausschabung notwendig machten, wusste ich doch, dass diese dann nur noch so etwas wie ein „Feinschliff“ war, denn die wichtigste Arbeit, hatte mein Körper allein geleistet.

Eine Ausschabung kann, wenn Komplikationen auftreten, Leben retten. Ich finde das gut und richtig. Allerdings empfinde ich es auch als schade, wenn man vorschnell zu dieser Möglichkeit greift, zu einem Zeitpunkt, wo nichts auf eben diese Komplikationen hinweist und indem der Körper immerhin noch eine Chance hat, sich auf natürlichem Weg zu helfen. Wäre ich den Weg gegangen, den der Arzt mir zu bestimmen gedachte, hätte ich mich nicht lösen und verabschieden können. Ich hätte nie dieses Gefühl des Stolzes erlebt, mit der Situation allein fertig geworden und stärker gewesen zu sein, als mir Ärzte zugetraut hätten. Und ich empfinde es als schade, dass so viele Frauen diesen Weg der Selbstbestimmung nicht gehen dürfen, weil man ihnen verweigert, sie zu begleiten und unterstützen, nur dann einzugreifen, wenn sie es allein tatsächlich nicht schaffen, stattdessen regelrecht sagt „Wenn Du nicht tust, was wir Dir sagen, werde allein damit fertig und riskiere Dein Leben“. Das ist Angstmache, aber keine Hilfe.

[SyKo]

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