⎯ Wir lieben Familie ⎯

Doro, In Extremo und das Moppelchen

Wo ist die Band?
Wo ist die Band?

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AutoreninfoSylvia Koppermann
aktualisiert: 26.02.2020Mehrfache Mutter u. Autorin
Medizin, Gesundheit und Erziehung
Zehn Jahre hatte ich gehofft und gewartet, so oft hatte ich es mir vorgenommen und doch immer wieder selbst platzen lassen. Doch nun sollte es endlich soweit sein:

Mein allererstes Konzert von "In Extremo"!

Damit ich nicht wieder einen Rückzieher mache, schenkte meine Familie mir das Ticket einfach zum Geburtstag. In einer Gruppe würden wir fahren, mein Mann, meine älteste Tochter, meine Freundin, ihre Schwester, ein alter Bekannter und der mittlerweile Ex meiner Tochter, auf den ich auch gut hätte verzichten können. Aus einem für mich geplanten Geburtstagsgeschenk schien er einen tollen Tag für sich und seine Kumpels machen zu wollen, gefährdete die Mitfahrt meiner Tochter und verwies sie schließlich sogar aus der Mitfahrgelegenheit.

Wen störte es?


Mir war es sowieso lieber, sie fuhr bei uns mit.

Mit viel Stimmung ging es dann los. Heute gab es keine Etikette, heute war der Tag, an dem man alles war, Hauptsache wild und gut drauf. Halb zwei wollten wir losfahren, einen kurzen Stopp beim bekannten Fast-Food Restaurant einlegen, auf dem Weg zum Einlass ein paar selbst gemixte Cocktails kippen. Es war Punkt 14:10 Uhr, da lutschte Moppelchen schon am ersten Cocktail, während sie wartend, neben ihrem Mann auf dem Tritt vorm Haus saß und auf die Freundinnen wartete.

Als diese dann kamen, war das erste Fläschchen meines Sommerdrinks dann fast leer, ich dafür in Hochstimmung und mit viel Gelächter ging es los.

Wir saßen im Auto, mit dem meisten Spaß.

Hinten quetschten sich mein Mann, meine Tochter und meine Freundin auf die Rückbank und ich ging gedanklich schon einmal durch, ob wir auch alles mit hatten: Tickets... Geld... Schweißgerät, um die Drei da hinten wieder aus dem Polster zu kriegen... Unterwegs leerten wir den Rest aus der ersten und die komplette zweite Flasche und ich muss mal ehrlich bekennen, ab einer gewissen Menge ist das kein Softdrink mehr! Wie mit dem hauseigenen Partybus rollten wir auf den ausgewiesenen Parkplatz, stellten uns einfach zu der Menschenmenge an der zugehörigen Bushaltestelle und lachten uns scheckig, bei dem Gedanken, vielleicht gar den falschen Bus zu erwischen.

Zwischenzeitlich bat ich meinen Mann dann, mir den Spiegel aus meiner Lidschattenbox zu fummeln, da mir das mit meinen neuen, künstlichen Krallen nicht möglich war. Dazu muss gesagt werden, dass meine Freundinnen mir am Abend zuvor, passend zu den frisch getönten Haaren, einen edlen Satz Alltags untauglicher Fingernägel an die Hände betoniert hatten, die zwar wunderschön anzuschauen, aber nicht unbedingt sehr praktisch waren.

Jedenfalls klappte mein Mann den Lidschatten auf und mein Applikator hüpfte von dannen. Ganz Gentleman warf sich nun mein holder Gemahl in den Gang des Busses, robbte auf allen Vieren zwischen den Bänken herum und wohl nur seine körperlich imposante Erscheinung rettete ihn davor, Schläge von einer Gruppe junger Männer, an den Kopf zu bekommen, die dort im Kilt saßen und den kriechenden Kerl zwischen ihren Beinen mit zusammen gekniffenen Pobacken anstarrten.

Als mein Mann schließlich triumphierend mit dem Schminkutensil in der erhobenen Hand auftauchte, guckten die Jungs im Rock um kein bisschen entspannter. Vom Busparkplatz nah dem Veranstaltungsgelände, ging es noch ein paar hundert Meter durch den Wald und, wie es wohl alle männlichen Wesen einer Spezies tun, verschwand mein Mann in den Büschen, um die Strecke zu markieren.

Nun standen wir vier Weiber auf dem Waldweg und johlten meinem Holden anzügliche Bemerkungen hinterher. Das wiederum wurde von einem Späthippie, der sich gerade mühsam den Berg hinauf kämpfte, gebremst von einer Wand der Ausdünstungen seiner mindestens 8 Liter Bier, die er sich zuvor verinnerlicht hatte, missverstanden.

Er fühlte sich scheinbar angesprochen und der Mut des Alkohols nährte die Selbstüberschätzung, all diese vier Damen hoffnungsvoll glücklich machen zu können. Mit einem lyrischen Singsang "Ach welch wunderbare Maiden!" stolperte er, mit ausgebreiteten Armen, auf uns zu.

Mein Mann kam gerade aus den Büschen, sah natürlich unseren Hippie nicht, der nun nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte und lag, statt uns, in dessen Armen. Beiden war das wohl etwas unangenehm und während wir Frauen uns gegenseitig wieder auf die Beine helfen mussten, weil wir lachend auf den Rücken gekippt waren, verschwand unser poetischer Damenbeglücker. Mit hochrotem Kopf stampfte mein Mann den Rest bis zum Einlass hinauf und schimpfte vor sich hin, wie unappetitlich er es fände, von fremden Männern angesprungen zu werden.
Direkt vorm Eingang trafen wir dann unseren Bekannten, der dort mit dem Ex meiner Tochter wartete. Neben ihm eine halbe Flasche Weinbrand... UND... unser Späthippie! Dieser blubberte gerade unseren Bekannten voll, errötete dann ein wenig, als er meinen Mann erblickte und mitbekam, dass wir alle zusammen gehörten, dann er suchte das Weite.

Nun wollte unser Bekannter nicht eher hineingehen, bis der Weinbrand leer war, da inzwischen auch deutlich wurde, wie gewissenhaft die Einlasser geschmuggelte Getränke konfiszierten.

Moppelchen, gerade in Spendierlaune, verteilte dann hurtig den Alkohol auf alle, kurz angestoßen...

Dem Eintritt stand nichts mehr im Weg.

Drei recht gute Vorgruppen spielten und wir suchten uns einen gemütlichen Platz mitten auf der Treppe der Waldbühne.

Irgendein Depp hatte seine Zigarettenkippe liegenlassen, ich übersah es natürlich, ließ mich cool neben meine Freundin fallen, stützte mich noch cooler ab und setzte gerade zu einer Rede an, da wurde es auch schon unangenehm heiß unter meiner Hand.

Wie nach einem Tor im Fußballstadion sprang ich auf, hüpfte wild herum, bekam dabei begeisterte Zurufe Umherstehender, die dachten, ich sei ekstatisch der Musik verfallen und meine Freundin pieselte sich fast vor Lachen in den Schlüpfer. Maulig gönnte ich mir ein Bierchen und wartete auf meinen Mann, der mal eben wieder für kleine Jungs musste.

Warum können Männer eigentlich nicht aufhalten?

Jedenfalls stampfte er irgendwann wieder zu uns, ließ sich neben mir fallen und brummelte vor sich hin.
Man hatte ihm verweigert, ganz männlich, das Bein im Gebüsch zu heben. Dadurch war er gezwungen für jeden Toilettengang stundenlang anzustehen und dann auch noch 40 Cent zu berappen. Aber, weil das ja nicht schon beschämend genug für einen ganzen Mann war, sah er auf einmal eine Frau, die ihm merkwürdig bekannt vorkam. "Musst Du Dir mal vorstellen, Schatz, da steht man stundenlang an, zahlt für einmal Pinkeln mehr, als ich sonst Wassergeld fürs Klo am ganzen Tag verbrauche und dann kommt DIE auch noch und drängelt sich dazwischen! Haben DIE denn keine VIP-Klos?"

Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff.

"Schatz, Du meinst jetzt nicht mit DIE...?"

Und ob er DIE meinte!

Da steht mein Mann in der gleichen Toilettenschlange, an der sich DORO vorbei schiebt und statt ehrfürchtig auf die Knie zu fallen, um die absolute Metalqueen angemessen zu huldigen, zwingt ihn seine übervolle Blase, ihr hinterher zu raunzen, ob sie denn kein eigenes Klo habe.

Schließlich standen wir dann auch direkt vorn an der Bühne, als sie ihren Wahnsinnsauftritt hatte.

Joe brauchte bis zum dritten Song, um den erröteten Kopf zu heben und sich von der Musik mitreißen zu lassen. Doro schien auch nicht nachtragend zu sein, denn mein Mann ist davon überzeugt, dass sie ihm ein Lächeln geschenkt hatte, wobei es ja auch noch die Theorie gibt, von der ich hoffe, sie stimmt, dass Doro ihn vor dem Klo nicht gehört hatte. Ein Stück weiter brüllte jemand "Ich liebe diese Frau! Ach, ich liebe Euch alle!" und knuddelte die Umstehenden.

Unser Späthippie!

Zwischen dem Auftritt von Doro und In Extremo lag eine Pause, die wir wieder auf dem Treppchen verbrachten.

Ich versuchte an der Getränkebude einen Kaffee zu bekommen, der lief allerdings noch durch, deshalb sollte ich in 10 Minuten wiederkommen.

Während nun meine Freundin über die Ungerechtigkeit meckerte, dass man noch nicht einmal hier einen Mann bekäme - sie ist nun Mitte 40 und hat zeitweise Anflüge, ähnlich der berüchtigten "Midlife crisis" - und nur ihre Schwester mit einem Verehrer die Bierbude gestürmt hatte, wo sie noch wie eine alte Jungfrau im "Bestellt-und-nicht-abgeholt-Regal" herumsaß, schwor sie den feierlichen Eid, sich den nächsten Kerl zu krallen, der sie berührte.

An der Getränkebude schaute man mich mitleidig an.

Der Kaffee sei schon ausverkauft, aber die nächste Kanne wäre dann in etwa 15 Minuten fertig.

Während ich nun leicht säuerlich die Stufen hinaufkletterte, sprang plötzlich meine Freundin auf, leicht hysterisch aber mit einem Grinsen bis an den Hinterkopf. "Ich hab einen!" schrie sie und winkte mich heran, ich solle mich beeilen. Auf ihrem Arm saß ein giftgrüner Grashüpfer!

Sie erklärte mir, in ihrem Alter sollte Frau nicht mehr wählerisch und ein kleiner grüner Kerl sei eben besser, als gar kein Mann.

Während ich noch laut darüber nachdachte, woher man einen so kleinen Ring für ihn bekommt, verschwand er so plötzlich, wie er gekommen war und meine Freundin bedankte sich ironisch, dass ich den einzigen Mann, der ihr in letzter Zeit auf die Pelle gerückt ist, mit dem Wort "Verlobung" in die Flucht geschlagen habe.

Kann ich etwas für seine Bindungsängste?

Mittlerweile begann In Extremo zu spielen und ich startete erneut den Versuch, endlich einen Kaffee zu bekommen.

Diesmal mit Erfolg!

Gerade versuche ich zur Treppe zurück zu kommen, da stürzte mein Mann wie aus dem Nichts auf mich zu und versuchte, in einem Anflug von Romantik, mit mir zu tanzen. Nun war dann auch meine andere Hand verbrannt, mein Kaffeebecher leer und an der Kaffeebude bekam ich zu hören, die nächste Kanne sei in 20 Minuten fertig. Auf dem Weg zur Treppe flog ein riesiger Schmetterling, in ziemlicher Bodennähe, auf uns zu: Der Späthippie, mit ausgebreiteten Armen, der uns gerade lieb haben wollte, als er meinen Mann erkannte, scharf Backbord wendete und in der Menge vor der Bühne verschwand.

Nun musste ich auch noch zur Toilette.

Also wieder durch die Menschenmengen, in eine Warteschlange vor der Damentoilette, die Längen mäßig mit der Wäscheleine einer Waschmittelmarke vergleichbar war und beäugte missmutig die kurze Schlange vor dem Herrenklo. Die Toilettenfrau reagierte auf mein Zwinkern mit einem Nicken Richtung Herrentoilette und so stapfte ich voll Tatendrang an meinen wartenden Geschlechtsgenossinnen vorbei ins Männerklo.

Während draußen ein paar Frauen klatschten, sprangen zwei Jüngelchen erschrocken fast ins Pinkelbecken und am Lachen vor dem Wagen bemerkte ich, dass ich wohl wieder etwas zu laut gesprochen hatte, als ich zu den beiden Jungs sagte: "Keine Sorge, ich tu Euch nichts! Meine Jungs zu Hause haben mehr und auch keine Angst vor mir!" Auf dem Rückweg zur Treppe bekam ich dann endlich einen Kaffee, den ich unbeschadet bis zu meinem Platz balancierte. Vorbei am Ex, der verdächtig nah bei meiner Tochter stand und dem ich, ganz wie ein eiskalter Mafiosi, Fingerzeichen gab, ihn im Auge zu behalten.

Nun wollte ich die Show meiner Lieblingsband in vollen Zügen genießen, da krabbelte unser Bekannter, wie in einem Horrorfilm, die Stufen zu uns empor. Er arbeitet als Bäcker, hatte somit in der Nacht zuvor keinen Schlaf und dann auf dem Konzert 1 bis 10 Bierchen zu viel, was die Fußmotorik stark einschränkte. Dazu hatte er Hunger bekommen und so versuchte er nun, eine Portion Pommes mit extra viel Ketchup die Treppe hinauf zu schleppen. Unterwegs polterte die Gabel weg und letztendlich saß er schließlich erschöpft vor uns, zuckte nur mit dem Schultern und aß, so gut es eben ging, mit den Fingern.

Eher wohl mit beiden Händen und dem ganzen Gesicht.

Danach kippte er seufzend zur Seite und schlief ein.

Wie gegossen lag er auf fünf Stufen verteilt und gab einen niedlichen Anblick ab. Fast eine Stunde später stürzte ein hektischer Sanitäter an uns vorbei, riss die Taschenlampe aus der Jackentasche und wollte sich gerade rettungswütig auf unseren Bekannten stürzen.

Ich hatte es zuerst fast nicht gemerkt, doch dann sprang ich dazwischen. "Liegenlassen, bitte, der gehört uns!" schrie ich den Sani an, der mich verdutzt anglotzte.

"Der Mann braucht Hilfe!"

"Nee, der braucht nur ne Mütze Schlaf!"

"Aber der Mann ist verletzt! Er blutet doch!", dabei zeigte er auf die rot verschmierten Hände und Wangen.

"Quatsch, der ist nur satt und keiner hat ihm das Schäuzelchen abgetupft." erwiderte ich, mit einem Fingerzeig auf die leere Pommesschale.

Kurz vor Ende des Konzerts begann es zu regnen.

Da nun der Ex im Vorfeld zu meiner Tochter gesagt hatte, er sei unverzichtbar bei der Veranstaltung, da unser Bekannter ja nur wegen ihm mitkäme - wovon der Bekannte allerdings nichts wusste - übergaben wir unseren schlafenden, Ketchup verschmierten Begleiter, sowie die Verantwortung, umgehend die Fahrerin anzurufen, um dann mit dieser den Guten unbeschadet nach Hause zu bringen, kurzerhand an Mr. Ex, der sich wahrscheinlich in dem Moment innerlich verfluchte, dass er sich so wichtig gemacht hatte. Wie ein nasser Sack Mehl, hing unser Kamerad nun im Arm des Ex und ich baute mir innerlich kichernd, Gedankenbrücken: Bäcker... nasser Sack... So schleppte Exi den Bekannten zum Ausgang, umtanzt von einem Elfen gleichen Späthippie, der sich mit blumigen Worten verabschiedete und langsam brachen dann auch wir auf.

Der Bus, der uns zum Parkplatz brachte fuhr Schritttempo durch die Menschenmassen, die nun das Konzertgelände verließen und während ich im Geiste den Vergleich an Autofahren in Zeiten der Krötenwanderungen dachte, ließ ich den Tag Revue passieren.

Ja, es war ein schöner Tag!

Da war ein liebeshungriger Späthippie,... ständig ausverkaufter Kaffee,... eine liebestolle Freundin, die, in ihrer Verzweiflung, ein Verhältnis mit einem Insekt einzugehen bereit war,... mein Mann, der Doro nicht aufs Klo lassen wollte,... zwei verbrannte Hände,... niemand der "Mama" brüllte,... und ein völlig erschöpftes, glückliches Moppelchen, das für einen Tag nicht Mutter, sondern einfach nur Metalfan war. Das schreit nach Wiederholung! Beim nächsten Konzert trage ich allerdings Schutzhandschuhe, ein Kontaktmagazin in der einen Tasche, eine Thermoskanne Kaffee in der anderen und mein Mann geht ganz sicher nicht mehr allein aufs Klo!

[SyKo]

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