Die Reise der kleinen Seele

Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer
01.09.2008 | 4 Antworten
Es war einmal eine kleine Seele, die im Himmel auf ihren Auftrag wartete.
Eines Tages kam der Herr zu ihr und sagte, dass es Zeit sei auf der Erde eine Aufgabe zu erfüllen.
Die kleine Seele war ganz aufgeregt, sie freute sich sehr auf dieses Abenteuer.
Der Herr sprach: „Kleine Seele, Du hast einen langen, beschwerlichen Weg vor Dir. Unterwegs wirst Du viel erleben. Weiche nicht von Deinem Weg, habe keine Angst, ich werde immer bei Dir sein!“
Die kleine Seele nickte und fragte ernst: „Werde ich Dich wieder sehen?“
„Gewiss“, sprach der Herr, „dann, wenn es Zeit dazu ist.“
Er umarmte die kleine Seele, öffnete das himmlische Tor und zeigte ihr den Weg, den sie gehen sollte.

Voller Abenteuerlust machte die Seele sich auf den Weg. Sie ging einen dunklen Pfad entlang, begleitet vom strahlenden Licht der Sterne. Es war ein wenig kalt, aber die Seele spürte eine wohlige Wärme in sich.
Nach einiger Zeit kam sie an eine kleine Hütte, aus der lustige Laute klangen.
Die Seele war ein wenig durstig, deshalb klopfte sie an die Tür, damit sie um etwas zu trinken bitten konnte.

Eine junge Frau öffnete die Tür und bat die kleine Seele lächelnd ein. „Da bist Du also“, sprach die Frau, während sie der kleinen Seele einen Krug mit Wasser reichte, „ich habe Dich schon erwartet.“ „Mich erwartet?“, fragte die kleine Seele?
„Ja“, sagte die Frau, „ich erwarte Dich schon so lange.“
Die kleine Seele wunderte sich ein bisschen, aber sie fühlte sich merkwürdig zufrieden.
„Bleib ein wenig bei mir und ruh´ Dich etwas aus“, sagte die Frau, „wenn Du Dich gestärkt hast, kannst Du weitergehen.“
Die kleine Seele dankte der Frau und sah sich im Häuschen um. Wundervolle farbige Bilder hingen an der Wand, Musik war im ganzen Raum zu hören und sie hatte Lust einfach zu tanzen.
Nach einer Weile fiel ihr ein, dass sie einen Auftrag des Herrn zu erfüllen hatte, deshalb nahm sie ihr Bündel und verabschiedete sich von der Frau. „Vielen Dank, dass Du mich eingelassen hast“, sprach die Seele, „es hat mir so gut bei Dir gefallen. Ich fühle mich so merkwürdig. Wie heißt Du eigentlich?“ „Ich bin die Freude, “ sprach die Frau. Ich trage das Glück und die Unbeschwertheit in mir, das ist es, was Du fühlst. Ich habe Dir einen Schluck davon zu trinken gegeben, jetzt ist die Freude auch in Dir. Bewahre sie gut, sie wird Dir in schweren Zeiten eine Hilfe sein. Und nun gehe, Kind, ich werde immer an Dich denken!“

Die Seele winkte zum Abschied und ging den Pfad weiter. Sie fühlte sich leicht wie eine Feder und sang ein Liedchen vor sich hin.


Nach langer Zeit wurde sie stiller und stiller und das unbeschwerte Gefühl wich Aufregung und Unbehagen. Hinter dem nächsten Hügel entdeckte die kleine Seele abermals eine Hütte.

Diese Hütte jedoch war klein und verrottet und wenig einladend. Vor der Hütte saß eine kümmerliche Gestalt und sah die kleine Seele grimmig an.
Die Seele fühlte, dass irgendetwas nicht stimmte, es war, als ob eine kalte Hand nach ihr griff und es schauderte sie. Trotzdem blieb sie stehen und beugte sich zu der Gestalt hinunter. „Guten Tag“, sagte sie, „ich bin die kleine Seele. Kalt ist es hier. Soll ich Dir helfen, ein Feuer in der Hütte zu entzünden?“ Die Gestalt schüttelte den Kopf. „Ich bin die Angst“, sagte sie, „keiner will mit mir zu tun haben. Es ist besser, wenn Du weitergehst. Du kannst mir nicht helfen!“
Die kleine Seele dachte einen Moment lang nach. „Warum mag Dich denn keiner? Warum bist Du so grimmig?“ „Weil ich Leuten die Furcht bringe. Sieh Dich doch an, auch Du fühlst Dich nicht wohl in meiner Nähe. Sicher fühlst auch Du die Kälte, die von mir ausgeht.“
Die Seele nickte. „Ja“, sagte sie, „es stimmt, ich fühle mich nicht wohl. Aber ich kann mir kein Urteil über Dich erlauben, wenn ich Dich nicht kennen lerne. Also komm mit hinein, ich helfe Dir.“
Verwundert stand die Angst auf und folgte der Seele.
Im Haus entzündeten sie ein kleines Feuer und bald fühlten sich Seele und Angst ein wenig wohler. Still betrachteten sie sich eine Weile, bis die Seele aufstand und der Angst über den Kopf strich.
„Ich muss gehen“, sagte sie. „Aber ich werde Dich nicht vergessen. Du bist die Angst, aber ich fürchte mich nicht mehr vor Dir. Leb´ wohl.“

Leise verließ die kleine Seele die unschöne Hütte, noch immer fühlte sie ein wenig Unbehagen, aber das Gefühl war nun leichter zu ertragen.

Wieder wanderte die Seele eine lange Zeit weiter und dachte oft an die Freude und Angst, es war, als seien sie ihr gute Freunde geworden.
Nach einer weiteren Kurve entdeckte die kleine Seele in der Ferne ein großes Zelt, das sich sanft im Wind bewegte.

Die kleine Seele war hungrig und beschloss, am Zelt eine Rast zu machen um etwas zu essen. Mit schnellen Schritten kam sie am Zelt an und entdeckte ein wunderschönes Mädchen im Eingang. Das Mädchen lächelte und sprach: „Liebe kleine Seele, tritt ein und setz Dich zu uns. Ich bin die Hoffnung. Meine Mutter ist die Zuversicht, wir haben Dich erwartet.“
Die kleine Seele trat ein und setzte sich auf ein weiches Kissen gegenüber der Frau und des Mädchens. Beide lächelten die kleine Seele an und reichten ihr etwas zu essen.
Lange sagte niemand ein Wort, es herrschte eine feierliche Stimmung und die kleine Seele fühlte sich sehr wohl.
„Kann ich bei Euch bleiben?“, fragte sie. „Nein“, sagte die Zuversicht. „Du hast noch einen Weg vor Dir, den Du allein gehen musst, kleine Seele.“
„Aber hier gefällt es mir. Hier möchte ich leben.“ „Zweifel nicht, kleine Seele“, sagte die Hoffnung, „der Herr hat Dir gesagt, dass Du Deinen Auftrag erfüllen sollst. Wir werden immer an Dich denken und Du wirst uns nicht vergessen.“
Die kleine Seele nickte. Den Auftrag hatte sie fast vergessen. Nun schämte sie sich und entschuldigte sich bei Hoffnung und Zuversicht für ihr törichtes Verhalten.
Hoffnung und Zuversicht umarmten die kleine Seele zum Abschied und winkten ihr lange nach.


Gestärkt und mit neuem Mut ging die kleine Seele weiter. Bald kam sie durch unwegsames Gelände, voller Dornen und Steine. Die kleine Seele fühlte sich wieder unwohl und wollte fast umkehren, als sie eine Höhle entdeckte, vor der zwei Jungen stritten.

Langsam und zaghaft ging die kleine Seele weiter und stellte sich vor der Höhle auf. „Hört auf zu streiten“, sagte sie, „Ihr tut Euch noch weh!“ Ein wenig verblüfft schauten die zwei Gestalten die kleine Seele an. „Geh weg!“, zischte der eine Junge, „Ja, hau ab!“, funkelte der andere.
„Ihr seid nicht besonders höflich, aber ich fürchte mich nicht vor Euch. Warum streitet Ihr Euch?“
„Wir streiten uns schon so lange, dass wir es selber nicht mehr wissen“, sagte der eine Junge verlegen. „Wir sind Brüder, wir heißen Hass und Zorn.“
„Seid Ihr ganz alleine hier?“ „Nein, unsere Mutter, die Wut, ist in der Höhle. Komm doch mit herein.“
Die kleine Seele folgte den Jungen. Sie fühlte sich furchtbar, es war, als ob sie von innen aufgefressen werden würde.
„Guten Tag“, sagte eine hässliche Frau, als sie die Höhle betraten. „Hallo“, sagte die kleine Seele zaghaft. „Was willst Du hier?“, fragte die Wut boshaft.
„Ich wollte mich nur wenig ausruhen“, sagte die kleine Seele. „Hier scheint mir der richtige Ort zu sein.“
„Hier ist niemals der richtige Ort“, antwortete die Wut. „Niemand will hier sein, wir haben keinen Platz für Nettigkeiten. Wir sind dazu verdammt, unfreundlich zu sein, die Leute sollen uns nicht mögen! Wir verteilen böse Gedanken, denn manchmal muss man seinen Frust spüren, um ihn loszuwerden.“
Die kleine Seele dachte über diese Worte nach, bis sie sie verstand.
Dann erhob´ sie sich und sagte: „Ja, ihr habt Recht, ich kann hier nicht rasten, ich habe noch ein wenig Weg vor mir. Aber ich werde Euch nicht vergessen.“

Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging die kleine Seele aus der Höhle und folgte weiter ihrem Weg.
Nach kurzer Zeit führte dieser aus dem Dornenfeld in einen dunklen Wald. Abermals überkam die kleine Seele ein merkwürdiges Gefühl, es wurde ihr richtig schwer ums Herz.
Sie rief nach dem Herrn, der ihr sagte, sie solle weitergehen, er würde sie nicht verlassen.
Die Seele tat, wie ihr geheißen und folgte weiter dem Weg.
Sie fühlte sich so unendlich müde, es war, als zöge eine unbekannte Last sie zu Boden.

Endlich, nach langer Zeit sah sie ein schönes Haus vor sich stehen. Sie war so müde, dass sie es kaum schaffte anzuklopfen und um Einlass zu bitten.

Die Tür wurde von einem Mann und einer Frau geöffnet, die beide die Hände nach der kleinen Seele ausstreckten.
Dankbar ließ die kleine Seele sich in ihre Arme fallen.
„Hallo kleine Seele“, weinte die Frau. „Ich bin die Trauer. Endlich bist Du da.“ „Warum weinst Du?“, wollte die kleine Seele wissen. „Weil ich Dich wieder hergeben muss. Und um meiner selbst weine ich.“, antwortete die Trauer.
Die kleine Seele schluckte, sie fühlte sich elend und müde und dicke Tränen kullerten über ihre Wange.
„Sei nicht traurig, kleine Seele“, sagte der Mann. „Ich werde Deine Tränen trocknen und die meiner Frau, so mache ich es immer. Ich bin der Trost und ich werde Euch halten.“
Wenig später hörte die kleine Seele auf zu weinen und es wurde ihr leichter ums Herz.
Sie fühlte sich geborgen und sicher.

Wieder rief sie nach dem Herrn. „Herr, ich bin so müde. Darf ich heute ein wenig schlafen? Ganz sicher werde ich morgen Deinen Auftrag erfüllen, ich verspreche es Dir.“
Der Herr antwortete liebevoll: „Kleine Seele, ruhe Dich aus. Du bist Deinen Weg bis zum Ende gegangen, Du hast meinen Auftrag bald erfüllt. Nun lasse Dich fallen und schlafe ein.
Wenn Du aufwachst werden Dich Engel begrüßen und Du wirst zu Hause sein.“
Kaum hatte der Herr gesprochen, schloss die kleine Seele die Augen.
Sie sah einen Raum vor sich. Träumte sie?
Eine Frau saß in einem Bett und hatte ein Kind im Arm, weinte und lächelte und ein Mann strich dem Kind vorsichtig über das Haar. So viel Liebe erfüllte den Raum, man konnte es spüren.
Die kleine Seele sah, dass um das Bett herum alle ihre Freunde standen. Die Freude, die Angst, Hoffnung und Zuversicht, Hass, Wut und Zorn, Trauer und Trost, alle waren da und zwinkerten ihr zu.
Da begriff die kleine Seele, dass sie einmal das Kind bewohnt hatte und während es im Leib der Mutter gewachsen war, sich der Auftrag erfüllt hatte. Sie hatte ihre Freunde zu den Menschen gebracht, damit neue Gefühle mit ihnen wachsen konnten.
Die kleine Seele blickte auf und sah ein helles Licht. Sie schwebte darauf zu, hörte, wie die Engel nach ihr riefen.
Ein letztes Mal schaute sie zurück, dann kehrte sie heim.

„Ich bin stolz auf Dich!“ begrüßte der Herr die kleine Seele. „Du hast Deinen Auftrag erfüllt, Du hast die Liebe getragen. Von heute an bist Du ein Engel!“

(Susanne Eschweiler)
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4 Antworten

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1 Antwort
Huh...
... sehr schön. Da fehlen mir echt die Worte, eine tolle Geschichte ...
DiniS
DiniS | 01.09.2008
2 Antwort
hi
schönes gedicht
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 01.09.2008
3 Antwort
oh mann
eine echt schöne geschichte!!
mausismama87
mausismama87 | 01.09.2008
4 Antwort
an die sternenmami
hab jetzt zum zweitenmal, einen beitrag von dir gelesen!!! jedesmal, kullern bei mir die tränen!!!! danke, für deine wunderschönen beiträge!!!! hoffe du gibst mir noch viel davon;-) !!! lg, gismolino
gismolino
gismolino | 01.09.2008

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