Erkenntnisse über Diäten, Mode und die Psyche

Moppelchen71
Moppelchen71
17.04.2012 | 17 Antworten
In der letzten Zeit habe ich mehrere Berichte gesehen, in denen es um Diäten, abnehmen allgemein und Wunschfiguren ging. Nicht solche Berichte, in denen es darum ging, wie wir endlich unser „Idealgewicht“ erreichen, sondern was uns manchmal fast unbemerkt in einen Strudel aus Kampf gegen das Gewicht, Verzweiflung und Selbsthass treibt.

Unsere Gesellschaft suggeriert uns ein Wunschbild, dem wir zu entsprechen haben. Unzählige Bilder hämmern uns tagtäglich ein Ideal ein. Sehr schlanke, manchmal fast magersüchtig wirkende Modells, männlich wie weiblich, begegnen uns auf Werbetafeln, in Zeitschriften, im Fernsehen und auf den Verpackungen sehr vieler Produkte, die wir täglich nutzen.
Selbst Mode für fülliger Frauen, wird oft von eher schlanken Modells vorgeführt und in jedem Bild, dass unser Unterbewusstsein erreicht, verinnerlichen wir das Gefühl, dass wir mit unseren Röllchen und Problemzonen gar nicht in eine „perfekte“ Gesellschaft passen.

Das ist auch beabsichtigt. Niemand stellt uns an den Rand der Gesellschaft. Das tun wir selbst, gestützt durch die Manipulation der Medien und Werbung, all der Bilder und dem „Schönheitsideal“, das oft von Modemachern festgelegt wird, für die eine Frau dann die „perfekte“ Figur hat, wenn die Mode, die die Designer verkaufen wollen, an ihr so wirkungsvoll, wie es nur irgend geht, präsentiert werden kann. Modemacher präsentieren also ihre Entwürfe so, wie sie optisch am besten wirken, um zum Verkaufsschlager zu werden. Sie wollen Kleidung verkaufen und dabei viel Geld verdienen. Wir hingegen sehen nicht primär die Kleidung, sondern oft das Modell, das in dem Kleid steckt. So suggerieren wir uns wiederum, dass nur megaschlanke Frauen die tollsten Kleider tragen können. Wir entsprechen diesem Bild nicht, also haben wir keine Anrechte auf schicke Klamotten.

Wir uns nun bewusst, dass es doch aber bei der Präsentation nur um Optimierung geht, würden wir uns dann ebenso für „nicht perfekt und damit Außenseiter“ halten?
Machen wir uns beispielsweise bewusst, dass bei der fotografischen Präsentation einer Schuhkollektion meist ein Schuh in Größe 36 gewählt wird, weil dessen Proportionen maßgeblich am besten zur Geltung kommen und wir uns das Schuhmodell in Größe 40 kaufen, da dies nun einmal unsere Größe ist, käme doch niemand von uns auf die Idee, unsere Zehen abzuhacken, damit wir in den 36er Schuh passen, der im Katalog irgendwie ein kleines bisschen „schöner“ wirkte, oder?

Interessant ist nun aber Folgendes:
Schuhe, egal welche Größe man für die Ablichtung der Modelle wählte, gibt es in allen gängigen Größen zu kaufen. Jedes Modell, wird in der Regel ab Größe 35/36 bis 40/41 in den Regalen der Schuhläden zu finden sein. Uns ist es egal, ob der Schuh in 40 „anders“ wirkt, als auf dem Bild. Für uns zählt nur, wie er auf uns wirkt, sich beim Tragen anfühlt und ob er in unseren Augen schick ist. Wir beurteilen SELBST, bewerten SELBST und legen für uns SELBST fest, was an uns gut aussieht. Keine Frau würde sich doch bei Schuhen jemals sagen lassen, dass ihr der Schuh nicht steht.
Da wird oft über den Schuhtick der Frau gelächelt und gefragt, warum Frauen überhaupt so häufig eine wahre Leidenschaft beim Sammeln von Schuhen haben. Eine prominente Dame sagte einmal im Fernsehen, dass dieser Schuhtick wohl daher kommt, dass Schuhe immer passen, egal welches Gewicht wir habe, ob wir zu- oder abnehmen.
Daran könnte tatsächlich etwas dran sein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Schuhe uns häufig die einzige Möglichkeit bieten, an der Spitze des Trends mitreden und präsentieren zu können, wenn wir eben nicht dem schlanken Typ entsprechen. Wie oft werden bestimmte Modekollektionen ausschließlich für sehr schlanke Menschen in den Handel gebracht?

Angeblich würde es sich nicht lohnen, bestimmte Kleidungsstile auch in Größen 44, 46, 48 und höher zu produzieren, da der Bedarf an diesen Größen nicht vorhanden sei.
Dann schauen wir uns doch mal in unserem Umfeld um. Ich persönlich kenne nur sehr wenige erwachsene Menschen, die unterhalb der Kleidergröße 40 liegen. Dafür kenne ich jede Menge 44er, 46er, 48er und darüber.
Selbst wenn nur 20% der Bevölkerung eine größere Konfektionsgröße besäße, wäre also immer noch jede Menge Nachfrage.
Nur, da das Angebot fehlt, hat der fülligere Mensch sich angepasst. Er sucht die Shops nicht mehr auf, wo aktuelle Mode verkauft wird. Wozu auch? Um sich masochistisch vor Augen zu halten, dass er all das nicht tragen kann, weil es nicht passt?

Nein, da quält sich der dickere Mensch durch Diäten, um der Außenseiterposition, in die ihn die täglichen Bilder treiben, zu entkommen und endlich auch die Mode tragen zu können, die er schick findet und tragen möchte, nicht tragen muss, weil es nichts anderes im Angebot gibt.
Und gerade diese Diäten haben es in sich. Schaffen wir es, uns erfolgreich auf ein Wunschgewicht herunter zu hungern, dann ist es der Verdienst der tollen Diät. Haben wir aber auch nur einen uns als unverzeihlichen Fehler gemacht, zwischendurch „gesündigt“, nicht das Wunschziel erreicht oder stagnieren, beim Abnehmen, dann ist es UNSER Versagen. Wir loben also eine Diät oder Verachten uns selbst.
Uns zu verachten, heißt jedoch auch, uns innerlich klein zu machen. Wir erlauben uns keine Schwäche und stempeln uns selbst als schwach, unattraktiv und wertlos ab. Eine neue Diät muss her. Entweder schafft die Diät es oder wir versagen wieder.... Ein Teufelskreis, aus dem wir gar nicht als Gewinner herauskommen können, denn Eines wird dabei nie gewinnen: unser Selbstbewusstsein und unsere Akzeptanz unserer selbst.

Wir sind bereit, uns Kleidern anzupassen, statt diese Kleider auf uns anzupassen. Das mutet fast so an, als geben wir damit Mode einen höheren Stellenwert, als unserer Selbstakzeptanz.
Wie kann, mit diesem Druck und immer mehr verschwindendem Selbstbewusstsein, eine Diät erfolgreich sein? Sie kann es nicht. So oder so kann sie es nicht. WIR sind erfolgreich, niemand und nichts anderes! Mal sind wir es in vollem Maß und erreichen unsere Wunschfigur, wenn wir denn tatsächlich abnehmen wollen, weil WIR es so wollen und nicht, weil wir uns gezwungen sehen, es zu tun, um uns der Gesellschaft angehörig zu fühlen oder wir erreichen eben mit dieser oder jenen Methode nicht das uns gesetzte Ziel. Vielleicht, weil die Hilfsmittel, die Diäten, eben nicht die passenden Werkzeuge für uns waren. Na und? Dann suchen wir eben so lange, bis wir ein Werkzeug gefunden haben, dass uns genau so in der Hand liegt, wie wir es uns wünschen. Und in dieser Zeit bejammern wir auch nicht, dass wir uns der Mode anzupassen haben. Nein, wir passen eben die Mode UNS an!

Das hört sich unrealistisch an?
All Ihr pummeligen Mitstreiterinnen, jetzt schaut mir virtuell in die Augen. Noch ein bisschen näher bitte und ganz tief in die Blauen Augen starren...
Mädels, wenn ich mir notfalls meine Mode selbst nähe, einzig zum Zweck, mich JETZT und nicht irgendwann, nach einer Diät, durch die ich mich erst in der Hoffnung auf DANN kommendes Selbstwertgefühl quälen muss, sauwohl zu fühlen, dann habe ich die Fummel, die ich tragen möchte bereits jetzt, dafür aber eben nicht den Frust, dass ich einen Stil aufgedrückt bekomme, den ich nicht möchte. Jetzt bereits in meinem Stil bekleidet sein zu können, verschafft mir Wohlfühlen, das wiederum Selbstbewusstsein und damit bin ICH allein Herr über abnehmen oder nicht. Ich kann es mir leisten, zu entscheiden, ob ich ein paar Pfunde verlieren möchte, bin nicht auf Modemacher und Konfektionsgrößengrenzen angewiesen.
Ich bin freier und selbstbewusster Herr meines Wohlfühlfaktors. Eine Diät wird damit für mich nur zum Werkzeug, dass ich feuern kann, wenn es versagt und mit einer wunderschönen Ausstrahlung eines Menschen, der sich seines Wertes bewusst ist, fallen Zwänge und Formen von mir ab. Ich bin so frei, vielleicht sogar freier, als jeder andere Mensch, der in die Konfektionsgrößennorm passt und gehe beschwingt durchs Leben.
Und vielleicht stelle ich mich irgendwann auf die Waage und stelle fest, dass ich unbemerkt, ohne Diät, einfach nur aus der Tatsache, mich nicht mehr gebückt als Außenseiter zu sehen, sonder als selbstbewusster und auf meine Art schöner Mensch, ein paar Kilo ganz „aus Versehen“ verloren habe.
Nicht, weil ich es Diäten oder Schönheitsidealen zu verdanken hätte, die mir eine Gesellschaft aufdrückt, sondern weil ich endlich verstanden und verinnerlicht habe, dass ich mit oder ohne Kilos zu viel, ein unbeschreiblich schöner Mensch bin, den nichts entstellen kann und dem alle Wege offen sind.
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17 Antworten (neue Antworten zuerst)

17 Antwort
Du hast voll und ganz recht
muekq
muekq | 19.04.2012
16 Antwort
@Moppelchen71 dann werden wir dich bei -nächster gelegenheit- in ein auto stopfen und dich bis vor die türe eines verlages fahren... "...ich trage meine eigene Grillschürze eben am liebsten knielang"
susepuse
susepuse | 17.04.2012
15 Antwort
@susepuse Ich kenne ja eine recht bekannte Buchautorin, die Kinder. Nur, mir fehlt einfach der Mut, an einen Verlag zu gehen.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 17.04.2012
14 Antwort
@susepuse Also, ich habe mir ja angewöhnt, dass immer, wenn mich jemand auf meine Bauchrolle anspricht, die ja nun hängt, wie der Beutel eines Känguru, das ich sage, ich bin nicht dick, sondern nur praktisch veranlagt, denn ich trage meine eigene Grillschürze eben am liebsten knielang.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 17.04.2012
13 Antwort
Im übriegen schreibt der ehemalige rektor von franzis schule kinderbücher. er war letzte jahr auf der frankfurter buchmesse. Schau mal rein, vllt. hilft es dir mit einigen tipps. Ich selbst hab auf der seite noch nichts gelesen. http://www.mika-und-co.de/
susepuse
susepuse | 17.04.2012
12 Antwort
@Moppelchen71 na eben... mein ich doch;-)... rundungen sind doch schön und weiblich!!!! jedenfalls hast du das wirklich gut geschrieben....
Babygirl0504
Babygirl0504 | 17.04.2012
11 Antwort
@Moppelchen71 bei schließen meiner hose in 38 muß ich den bauch einziehen und bei der arbeitsbüx geht der knopp nicht mehr zu...von bäuchligswärz -und meiner mich umschlingenden katze- ganz zu schweigen. Sascha nennt mich seine "dreifaltigkeit"
susepuse
susepuse | 17.04.2012
10 Antwort
@susepuse Als hättest Du Probleme, Klamotten zu finden. Du hast doch gerade mal höchsten Gr. 36.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 17.04.2012
9 Antwort
@Babygirl0504 So sollte es auch sein! Nimm ab oder zu, weil es Dir ein schönes Gefühl gibt, nicht weil Konfektionsgrößen es Dir vorschreiben. Und im Vertrauen: Sehr viele Männer wollen Frauen, an denen auch Rundungen sind
Moppelchen71
Moppelchen71 | 17.04.2012
8 Antwort
@Boah_Ey Och, da bin ich schmerzfrei, wenn ICH mich in den Klamotten wohl fühle. Meine Auge bekommt auch keine Orgasmen, wenn ich Frauen mit der Figur einer Hundehütte sehe. Aber dann schaue ich eben nicht hin. Genauso darf jeder wegsehen, dem ich in einem Fummel nicht gefalle. Es sollte jedem herzlich egal sein, wie er auf Andere wirkt, solange er/sie sich wohl fühlt, denn Selbstbewusstsein und positive Ausstrahlung kommen nicht durch Andere, sondern nur durch das eigene Wohlfühlen.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 17.04.2012
7 Antwort
@Mili Danke für das Kompliment! Nachgedacht habe ich oft darüber und viele Menschen animieren mich. Käufer gäbe es sicher wohl einige, wie mir einige immer wieder versichern, ob ich nun eher lustig schreibe, wie in der Kolumne Chaosbande hier im MW-Magazin oder über ganz gegensätzliche Gefühle, wie im Tagebuch über den Kampf um YoFis Leben und seinen Verlust, auf der Seite meines Sohnes. Aber Käufer allein, überzeugen ja noch keine Verlage. Wenn irgendwann ein Lektor klopfen sollte und mir sagt, ich soll doch mal das undas schreiben und zu ihm schicken, dann werde ich wohl genug Mut haben, das mal zu versuchen.
Moppelchen71
Moppelchen71 | 17.04.2012
6 Antwort
schönen abend!!!!!
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 17.04.2012
5 Antwort
Hach das tut gut.. und schon hab ich kein schlechtes gewissen mehr
susepuse
susepuse | 17.04.2012
4 Antwort
sehr schön geschrieben und absolut auf den punkt gebracht!!!!!!!!!!!!!!!!!! Meine kleine Geschichte: ich hab mit 14 jahren 85 kilo bei einer größe von 1, 57 auf die waage gebracht...
Babygirl0504
Babygirl0504 | 17.04.2012
3 Antwort
das hast du gut beschrieben. ABER es gibt leider auch genügend, meist weibloche, mtmenschen, die meinen, jeden trend der mode mitmachen zu müssen. auch wenn ein blick in den spiegel beweisen würde, dass es eben wirklich nur in kleinen größen gut aussieht. soviel einsicht und selbstakzeptanz sollte dann doch vorhanden sein, um abzuschätzen, das presswurst und co. nicht unbedingt ansprechend sind. also, wir sollten alle zu unserem gewicht stehen und uns entsprechend der wahren größe kleiden... und es gibt sicher genügen, auch bezahlbare, mode in größe 42 aufwärts
Boah_Ey
Boah_Ey | 17.04.2012
2 Antwort
@Moppelchen71 Also ich weiß nicht wie du aussiehst, habe mir deine Fotos noch nicht angeschaut, aber ich habe in letzter Zeit viel von dir gelesen. Und Schönheitsideal hin oder her, ich muss dir sagen, du bist sehr begabt was das Schreiben angeht. Du hast einen Stil zu schreiben, das ist unglaublich. Könnte stundenlang deine Beiträge lesen. Hast du schon mal darüber nachgedacht ein Buch zu schreiben? Such dir ein schönes Thema aus und schreib los. Du wirst verdammt erfolgreich sein. Ich verspreche Dir auch hiermit, ich werde dein Buch kaufen;-) Tausend Daumen hoch für dich Moppelchen, egal ob dick oder dünn, Raucher oder Nichtraucher, usw. du bist etwas ganz Besonderes. Aber jetzt höre ich lieber auf, denn sonst wirst du noch eingebildet^^ Siehst du und ohne auch nur einen Gramm abzunehmen, bist du durch meine Worte wenigstens ein klitze kleines bisschen selbstbewusster geworden.
Mili
Mili | 17.04.2012
1 Antwort
Das hast du mal wieder auf den Punkt getroffen.
Gelöschter Benutzer
Gelöschter Benutzer | 17.04.2012

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