Einkaufen wollte ich. Einfach nur einen Großeinkauf machen. Entspannt, mit hinterher einem kurzen Abstecher zum Schuhgeschäft, um mir die Winterstiefel zu kaufen, mit denen ich seit Wochen liebäugle. Nicht dass ich so viele Schuhe hätte! Seit drei Jahren rede ich jeden Winter davon, dass ich eigentlich einen stabilen und warmen Schuh bei unseren Harzer Eiszeiten brauche, aber jedes Jahr bin ich auch zu geizig mir welche zu kaufen.
Dieses Jahr... ja, dieses Jahr sollte es anders werden. Endlich hatte ich DAS PERFEKTE Paar Stiefel zu einem guten Preis von knapp 35, -€ im Visier. Die würden mir nicht entgehen und dieses Jahr würde ich auch keine Ausrede vor mir selbst dulden.
Am Nachmittag ging es los. Die Kröten Emmy und Romy wurden in ihre Autositze gekettet, der große Bruder Timo als Unterstützung gleich mit ins Auto geworfen und dann flott Richtung Kreisstadt, Real plündern.
Dreifache Payback Punktzahl, mein Waschmittel im Angebot, dazu noch Rabattcoupons.... Frau im Himmel!
Das musste doch ein phantastischer Tag werden!!!
Gut, dass seit Tagen die Kontrollleuchte der Handbremse aufleuchtete, schob ich auf einen Fehler in der Elektronik und war auch nicht besorgt. Bis kurz vor Real das Bremspedal zu treten war, wie ein heißes Messer durch Butter fährt.
Wie gut, dass mein Sohn gerade Praktikum in einer Kfz-Werkstatt macht. Sein Kommentar: „Mama, das sieht nun aber doch nach zu wenig Bremsflüssigkeit aus.“
„Zu wenig?“ kreischte ich hysterisch „Da ist NIX mehr! Zwei Zentimeter weiter mit dem Fuß aufs Pedal und ich Bremse den Motor mit meinen bloßen Füßen“
Bis zum Parkplatz schafften wir es gerade noch so, dann hieß es „Rien ne va plus, liebe Bremse“.
Fachmännischer Blick meines Kfz-Praktikanten, eindeutige Diagnose: der Tank für die Bremsflüssigkeit war trocken wie ein Hasenfurz.
Nun, Mann auf Arbeit und nicht erreichbar, da hilft Frau sich eben selbst. Mit Kids und Betriebsheft des Autos ab in den Real, obere Etage und Autoabteilung angesteuert, auf dem Weg dorthin Timo im Vorbeigehen nach einem Verkäufer greifen und diesen mitschleppen lassen... Innerhalb von 5min händigte uns der gute Mann zitternd die benötigte Bremsflüssigkeit aus.
Der Großeinkauf wurde fortgesetzt. Nicht mehr mit der nötigen Entspanntheit, aber immerhin doch noch einigermaßen zivilisiert.
Auf dem Parkplatz füllte Timo schließlich die Bremsflüssigkeit nach, wollte gerade den Tank wieder verschließen, als ihm der Deckel aus den Fingern rutscht und in den endlosen, verbauten Tiefen unseres Autos verschwindet.
Man vertraut der Erdanziehungskraft und meint nun, der Deckel muss ja unten wieder heraus fallen... NÖ!
So richtig heranzukommen war an den Deckel nicht. Nicht einmal sehen konnten wir ihn. Einmal hörten wir ihn kurz klappern, als wir mit dem Stil eines Luftballons nach ihm stocherten, aber das hörte sich eher nach einem schadenfrohen „Ihr kriegt mich nicht!“ an.
Ohne Deckel keine Weiterfahrt, also nächster Plan: Meine Älteste und ihren Freund anrufen.
Die waren gerade am anderen Ende vom Harz und brauchten natürlich eine Weile, bis sie da sein konnten, aber schließlich waren unsere Retter da. Daniel fuhr dann auch gleich mit mir zur Opelwerkstatt, wo ich mit meiner Betriebsanleitung winkend und einem Gesichtsausdruck, bei dem ich selbst Mitleid mit mir bekam, um einen neuen Deckel bettelte der, egal wie, einfach nur passen sollte.
Ich bekam ihn auch. Einen kleinen schwarzen Kunststoffdeckel, mit einem gelben Aufkleber, ohne jeglichem Schnickschnack... für stolze 16, 24€!
Das war der Moment, als vorm inneren Auge meinen gefütterten Lederstiefel Flügel wuchsen und sie mit Spann und Sohle grinsend davon flatterten.
Zurück am Auto eröffnete mir meine Älteste noch, dass meine Jüngste sich in der Zwischenzeit so prächtig eingenässt hatte, dass ich dann gleich noch eine Hose kaufen konnte und meine Begeisterung ließ mir Freudentränen aus den Augen schießen.
Als mein Mann schließlich anrief und fragte, ob ich meine Stiefel bekommen hätte und wie bequem sie wären, seufzte ich nur in den Hörer „Weißt Du, meine warmen Füße stecken jetzt im Auto. In Bremsflüssigkeit und Deckel. Sollten meine Zehen im Winter frieren, tunke ich sie einfach in den Bremsflüssigkeitstank.
„Aber Maus, Du wolltest doch Schuhe für Dich kaufen!“ säuselte mein Mann ins Telefon und löste damit die Lawine aus, die dreieinhalb Stunden, die das ganze Theater in Beschlag genommen hatte aufgestaut wurde. Ich muss ausgesehen haben, wie ein Hau-den-Lukas bei vollem Anschlag und brüllte nur noch in den Hörer „Erwähne NIEEEE WIEDER die Worte Schuhe, kaufen und 'für mich' in einem Satz! Ich schwöre Dir, dann passiert ein Unglück. Irgendeine Macht WILL einfach nicht, dass ich Winterschuhe kriege. Und weißt Du was? JETZT will ich auch keine mehr! Meine Birkenstocklatschen können auch bei 60cm Neuschnee noch wunderbar sein. Man muss eben nur positiv dabei denken!“
Und ich hoffe, dass in diesem Winter wahre Sonnenstürme positiver Energie über mich zusammenbrechen, denn sonst habe ich eindeutig ein frostiges Problem!
von Moppelchen71 am 29.09.2011 21:01h