Alle werdenden Eltern stellen sich irgendwann die Frage: "Wo soll unser Kind geboren werden? Fast alle Kliniken bieten Infoabende an, bei denen man sich informieren und den Kreißsaal besichtigen kann. Den meisten Schwangeren ist eine wohnliche Atmosphäre wichtig, aber die Farbe der Gardinen sagt noch nichts über eine gute Geburtshilfe aus. Wie kann Frau nun herausbekommen, ob hinter all der "familien- und frauenfreundlichen Atmosphäre" auch wirklich eine solche gelebt wird?
Dazu sollte man sich zunächst einmal fragen, wie oder was ist überhaupt frauenfreundliche Geburtshilfe?
Für mich definiert sich dieser Begriff so:
Betrachten wir diese Kreißsaalführungen mal aus dem Blickwinkel des Geldverdienens: Jede Gebärende bringt Geld und ist Kundin, die Klinik ist der Dienstleister und die Konkurrenz ist groß. Wassergeburt, Hockergeburt, Homöopathie und Akupunktur bieten fast jede Klinik an. Um aber herauszufinden, ob mir nur scheinbar etwas verkauft werden soll, oder ob dies auch wirklich in der Realität gelebt wird, muss die Schwangere Fragen stellen.
Wenn gesagt wird, "Ja wir haben einen Geburtshocker", dieser aber dann nicht präsent im Kreißsaal steht, sondern verstaubt aus einer Ecke heraus geholt wird, dürfte klar sein, wie oft er zum Einsatz kommt. Wenn auf die Frage nach der PDA Quote eine Zahl genannt wird, die höher ist als 30%, zeigt das, dass Frauen gerne ruhig gehalten werden und auf Zuwendung und Motivation gegenüber der Frau weniger Wert gelegt wird. Stattdessen wird eher nach dem Prinzip verfahren, sich eine anstrengende Frau zur handzahmen Patientin zu machen. Oder aber die Geburt wird als generell leidvoller Zustand angesehen, von dem die Frau dringend erlöst werden muss.
Wenn nach der Dammschnittquote die Antwort kommt "Das ist immer situationsabhängig" und keine Zahlen genannt werden, spricht das meines Erachtens für einen häufig unreflektierten Einsatz der Schere. Eine Klinik, die Wert darauf legt, die Frau möglichst unverletzt durch eine Geburt zu bringen, ist stolz auf niedrige Dammschnittzahlen und kann sie auch nennen. Ebenso verhält es sich mit den Kaiserschnittzahlen, der Bundesdurchschnitt liegt bei 30%-32%. Eine Klinik, die sich bemüht einen solchen zu vermeiden und ihn als das zu sehen was er ist, eben als einen Notausgang, wird unter diesem Durchschnitt liegen und darauf hinweisen. Die niedrigen Kaiserschnittzahlen weisen auch auf eine abwartende und wenig invasive Geburtshilfe hin. Nur wer vorschnell handelt, praktiziert viele Kaiserschnitte.
Unsere eXpertin, die Hebamme Bettina Stawinski, schreibt über aktuellen Themen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Sie ist auf Hausgeburten spezialisiert, aber auch zur Babypflege oder zum Umgang mit Neugeborenen gibt sie wertvolle Tipps. Bettina Stawinski ist selbst Mutter von drei Töchtern.