Fingernägelkauen bei Kindern
Kennst Du das auch? Jedes Mal, wenn ihr unterwegs seid und Dein Kind nervös wird, beginnt es prompt an seinen Fingernägeln zu kauen. Seine Nägel sehen daher schon ziemlich angeknabbert und unappetitlich aus. Auch die Nagelhaut ist eingerissen oder sogar blutig. Und langsam machst Du Dir Gedanken, woher diese Angewohnheit kommt und was Du dagegen tun kannst. Doch falls es Dich beruhigt: Dein Kind ist sicher nicht das einzige.
Etwa 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen knabbern zumindest gelegentlich an den Nägeln. Die Ursachen für diese weit verbreitete nervöse Störung können jedoch vielfältig sein und müssen nicht zwangsläufig auf ein schwerwiegendes seelisches Problem hindeuten.
Fingernägelkauen (lat.
Onchyophagie) bezeichnet das Kauen und Abnagen der Fingernägel,
teils auch der umgebenden Nagelhaut. Man unterscheidet zwischen dem
einfachen, gelegentlichen Abkauen der Fingernägel, dem Kauen der
Fingernägel bis zur Entstehung kleinerer Verletzungen der Nagelhaut
und dem exzessiven, zwanghaften Kauen der Fingernägel bis das
Nagelbett nicht nur sichtbar wird sondern auch regelmäßig blutet
und sich später häufig schmerzhaft entzündet. Obwohl Nägelbeißen
in seinen schlimmeren Varianten als Form der Selbstverletzung gilt,
sollte man gerade bei Kindern nicht sofort in Panik verfallen.
Vielmehr solltest Du erst einmal genau beobachten, in welchen
Situationen Dein Kind an den Fingernägeln knabbert. Nägelkauen ist
eine Verlegenheits- oder Leerlaufhandlung, die betroffenen Kindern
hilft, in unangenehmen oder einfach nur langweiligen Situationen
innere Anspannung abzubauen. Oft tritt sie im Kindergartenalter,
vielfach auch erst zwischen dem 8. und 10. Lebensjahr auf. Nach der
Pubertät wächst sich die Gewohnheit dann in vielen Fällen aus,
etwa ein Drittel der Betroffenen führt sie allerdings auch im
Erwachsenenalter fort.
Ängste oder nervliche
Überlastung können sich gerade auf das empfindliche Nervensystem
von Kindern äußerst negativ auswirken. Konflikte in der Familie
oder in der Schule können daher schnell dazu beitragen, dass das
Kind sich überfordert fühlt. Auch ein Umzug der Eltern, der mit der
Eingliederung in eine neue Kindergartengruppe verbunden ist, kann ein
Auslöser für Nägelknabbern aus Unsicherheit sein. Vielleicht kommt
die innere Anspannung Deines Kindes aber auch von Langeweile oder
Bewegungsmangel und kann durch ein neues sportliches Hobby, das mit
viel körperlichem Einsatz verbunden ist und gleichzeitig das
Selbstwertgefühl stärkt, behoben werden.
Das Auftragen bitter
schmeckender Tinkturen aus der Apotheke, das Eintauchen der Finger in
aufgegossenes Wermutkraut oder das Aufkleben von Pflastern und
Anziehen von Handschuhen sollte stets nur als zusätzliche Maßnahme
zum Einsatz kommen. Vorgehensweisen dieser Art bekämpfen zwar die
Handlung, nicht aber die Ursache. Ist diese nicht abgeklärt, kann es
später bei erneutem Stress zu Rückfällen oder anderen
Ersatzhandlungen kommen.
Wichtig ist vor allem, Dein Kind nicht zu demütigen, indem Du es öffentlich
bloßstellt oder zu sehr unter Druck setzt. Gerade zwanghaftes
Nägelkauen geschieht oft unbewusst und wird nicht mehr wahrgenommen.
Doch erfahrungsgemäß helfen Aufmerksamkeit und verstärkte
Zuwendung beim Abgewöhnen des Nägelkauens eindeutig mehr als
ständiges Herumnörgeln. Das erzeugt lediglich zusätzlichen Stress und schwächt das Selbstwertgefühl des Kindes weiter. Nimmt das Knabbern an den
Nägeln allerdings trotz Deiner intensiven Bemühungen so massive
Ausmaße an, dass es zu regelmäßigen Verletzungen und Entzündungen
an der Nagelhaut und dem Nagelbett kommt, solltest Du dringend Hilfe einholen. Ein Kinderpsychologe kann sicherlich
umfassendere Ursachenforschung betreiben und womöglich verhindern,
dass sich die Angewohnheit Deines Kindes zu einer neurotischen
Zwangsstörung auswächst.
[BS]