Mein Baum erstrahlte in einer windschiefen Kreation ”à la Pisa”, rechts in ökologischer Natürlichkeit, links wie eine Christbaumschmuck-intensiv-panierte-Trauerweide. Ich saß bereits, die Punschschüssel liebevoll im Arm wiegend, in der Sofaecke und beschränkte mich auf hysterisch kicherndes Beobachten.
Meine Söhne saßen am Küchentisch, ein Skatblatt in der Hand und zockten “Schwimmen”, unter dem großkotzigen Einsatz der Geldscheingeschenke. Als ich vorsichtig einwarf, ich sähe nicht so gern, wenn man unser Haus in eine illegale Glücksspielhöhle verwandele, erntete ich verständnislose Blicke und den Kommentar “Oh Mensch, Mama, wir geben uns doch unsere Einsätze nachher wieder!” Und da regen sich andere Eltern auf, wenn ihre Kinder zuviel Zeit mit Spielkonsolen verbringen!? Im Geiste sehe ich meine Söhne schon als Croupiers eines Casinos oder, noch schlimmer, als Hütchenspielbetreiber auf Amüsiermeilen spanischer Urlaubshochburgen.
Emmy und Zoe bildeten mittlerweile eine Kette zum Knusperhaus, deckten das Dach ab und bunkerten eichhörnchengleich die Süßigkeiten im leeren, untersten Fach des Bücherregals, in das sie sich kurz darauf verkrochen, um sich eine Dröhnung Zuckerschock zu verpassen. Schwiegermutter tanzte erneut mit bittendem Blick um den Tisch und verfluchte die Funktion ihrer Nieren, sowie uns, da wir den beklopptesten Hund dieses Planeten hätten, der sie nicht allein aufs Klo lassen wollte.
Timo saß währenddessen in der Ecke und bearbeitete den Speckstein, den er inklusive Werkzeug zu Weihnachten bekommen hatte, während Micky sich verstohlen umsah, weil er befürchtete, zu seinem Laubsägeset auch einen eigenen Kobold, Marke Pumuckel, bekommen zu haben. Jessi hatte die Ruhe weg und verbrachte die familiäre Harmonie damit, mit Freundinnen SMS auszutauschen.
Langsam kehrte Ruhe ein. Jessi und Zoe zogen gen heimatlicher Wohnung und Emmy wurde ins Bett verfrachtet, aus dem Mundwinkel noch den Fuß eines Schokoweihnachtsmannes baumelnd. Schwiegervater genoss die Kuschelattacke unseres Katers Skit, der sich sonst nie von anderen streicheln ließ, nun aber auf Opa herum sprang, als sei dieser eine Hüpfburg, während Oma, die Angst vor Katzen hat, zitternd in der Ecke kauerte und betete, dass sich keine unserer Katzen entschloss, nun auch sie lieb zu haben.
Zwischenzeitlich nahm ich den Kampf mit dem Schmutzgeschirr auf, was wiederum für verständnislose Blicke meines Mannes sorgte, der mich fragte, ob ich denn all diese Harmonie ausgerechnet jetzt durch einen Putzzwang bekämpfen müsste. Also setzte ich mich wieder aufs Sofa, kuschelte erneut mit der Punschschüssel und knurrte in der sanften Tonlage eines Pitbulls “Oh, Du fröhliche...”.
Punkt Mitternacht fand der Spuk ein Ende. Die Kinder waren im Bett, Schwiegereltern auf dem Heimweg und Achim sah mich mit verklärtem Blick an. “Weißt Du, Maus, ich fand Weihnachten früher immer irgendwie blöd. Da war überall die Hektik, diese vorgetäuschte Harmonie und das ganze Theater mit erzwungenen Fressgelagen. Ich hätte nie gedacht, dass man Weihnachte auch so romantisch und ruhig feiern kann!”
Ich starrte ihn an, im Arm eine Punschschüssel, in der die restlichen Rosinen wie Hasenköttel umher trieben. Bei jeder Bewegung wurden Geschenkpapierschnipsel hoch geweht, die sich in Sofaritzen verteilt hatten und mit dem leichten Windzug durch die Wohnung stoben. In der Küche prügelten sich die Katzen, die versuchten, an die Entenknochen im Mülleimer zu kommen und unten im Flur jaulte der Hund an der Tür, weil er sein auserkorenes Schmusepüppchen, meine Schwiegermutter, vermisste und der Weihnachtsbaum ächzte, im verzweifelten Versuch, nicht auf die überladenen Schlagseite zu kippen.
Dann lächelte ich meinen Mann an. “Ja, Schatz, da kannst Du mal sehen, dass Dir einfach nur die richtige Familie fehlte, die Dir zeigt, wie schön Weihnachten sein kann.” Und innerlich bekam mein Lächeln Bekräftigung, durch einen einzigen Satz, der sich jubelnd durch mein Hirn schraubte: “Du hast es geschafft, Du hast überlebt, jetzt hast Du ein ganzes Jahr, um neue Kraft zu sammeln, denn das nächste Weihnachtsfest kommt ganz bestimmt!”
| Benutzername |
Passwort |
|
