Traditionen sind die Dinge, die sich immer wiederholen. Genau deshalb war von Anfang an klar, dass ein absolut friedliches und harmonisches Fest mit unserer Chaosbande in Grimms Märchenbücher stehen müsste, würde jemand behaupten, dass es das gäbe. Eigentlich ist nie die Frage, was alles passiert, sondern nur wann das Chaos ausbricht und von wem es eingeläutet wird.
In diesem Jahr schlug Micky die Festtagsglocke, in dem er pünktlich am 23. Dezember seinen Haus- samt Zimmerschlüssel verlor. Im Vorfeld sei angemerkt, dass Türen, deren Klinken nicht abgebaut wurden, grundsätzlich abgeschlossen werden müssen.
Grund dafür ist die Privatsphäre, die man sich in unserer Familie sichern muss. Nicht vor menschlichen Familienmitgliedern, sondern vielmehr vor der Neugier einer, nun fast ausgewachsenen deutschen Dogge Skadi. Sie findet in jedem Zimmer etwas, das sie heimlich erobern kann, etwas, auf das sie den Stempel "MEINS" setzt, sei es auch nur ein Bett, in das dann niemand mehr kommt, weil sie sich einem Betonklotz ähnlich darin ergossen hat. Unterstützt wird sie von ihren fleißigen Helfershelfern, den Katzen, die während Skadis Nickerchen im Bett ihre Fähigkeiten als Innendekorateure trainieren, indem sie sämtliche mobilen Gegenstände an Orten wie Fußböden drapieren.
Den halben Weihnachtstag verbrachte nun mein Sohn auf Wanderschaft, um seinen Schlüssel zu suchen, doch dieser war wie vom Erdboden verschluckt. Kein Wunder, hatte es schließlich auch zwischendurch geschneit, was meinen älteren Sohn die tröstenden Worte finden ließ: "Ey, das ist doch kein Drama! Im Frühjahr taut es und dann finden wir auch Deinen Schlüssel wieder!" Micky standen die Tränen in den Augen. "Soll das heißen, ich darf jetzt bis zum Frühling bei Dir im Zimmer auf Deinem Sofa schlafen und komme nicht einmal mehr an meine Klamotten?" Wieder war mein Großer voll Worte des Trostes. "Ach, nun sieh nicht gleich schwarz. Ist doch alles eine Frage des Timings. Wir waschen Deine Sachen, die Du anhast, abends, trocknen sie über Nacht und morgens kannst Du sie sauber wieder anziehen. Darfst halt nur die nächsten drei Monate nicht wachsen!" Es half nichts, ein neues Schloss musste her.
Nun ging der Spaß los, denn für ein passendes Schloss müsste man die Tür vermessen, was ja nicht ging, da diese verschlossen war. Das Schloss zu öffnen übernahm mein Mann, nachdem unser Ältester Timo dies gern getan hätte, sich jedoch Brechstange und Vorschlaghammer als Feinmechanikwerkzeug parat legte. Zwei Stunden später dröhnte das Gejubel durchs Haus, die Tür war offen und das sogar unbeschadet! Achim hielt einen Dietrich in der Hand, den er aus einer Schraube gebastelt hatte und ich fragte mich für einen Moment, ob ich mir sicher sei, meinen Mann so gut zu kennen, wie ich glaubte.
Die Zeit, in der das Schloss geknackt wurde, nutzte ich für den Kampf mit meinen beiden Festbraten-Enten. Von einer Freundin hatte ich den Tipp mit der Füllung aus Früchten, Rosinen, Lebkuchen und Nüssen. Sie schwärmte so sehr davon, dass ich genau das Rezept ausprobieren wollte und so warf ich alle Zutaten in eine Schüssel, griff nach dem Pürierstab und schredderte fleißig drauf los, bis mir ein beißender Qualm in die Nase stieg. David gegen Goliath, die Füllung hatte gewonnen, mein Pürierstab hauchte sein Leben mit dem Gestank verbrannter Autoreifen aus. Von der Ablage her vernahm ich das leise, schadenfrohes Kichern der beiden halb gefrorenen Enten.
Richtig in Rage kramte ich vom Dachboden mein fossiles Vorläufermodell eines Lebensmittelschredders aus, der zwar noch per Handkurbel funktionierte, aber immerhin seinen Zweck erfüllte. Bis zu den Ellenbogen in Füllungsmatsch steckend, kam Achim kurz dazu und schüttelte den Kopf. Er dachte wohl eher, ich bereite mir eine Fangopackung zu.
Nachdem stundenlanges Kurbeln meinen Bizeps auf Qualifikationsgröße zur Wahl des “Mr. Universe” gebracht hatte, stopfte ich die Enten aus, bis ihnen das Kichern verging. Achim kam wieder in die Küche, gerade als ich den Enten das Hinterpförtchen zunähte. Ein böser Blick von mir ließ ihn sich jedoch jeden Kommentar verkneifen.
Die Enten hatten endlich kapiert, dass sie verloren hatten und lagen ergeben im Ofen, wo sie sich knusprig braun brutzeln ließen und ich begann den Tisch einzudecken, als mir einfiel, dass der zweite Hochstuhl, den wir für meine Enkelin brauchten - um sie soweit im Zaum zu halten, dass sie nicht die Festtafel in die Showbühne ihrer artistischen Einlagen, verwandeln konnte - noch immer reparaturbedürftig auf dem Dachboden stand.